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Thema: Welches Verhalten ist richtig?

Hallo an Alle,
ich bin neu hier und ich hoffe auf interessanten Erfahrungsaustausch. Meine beste Freundin ist seit März querschnittgelähmt... und wie es vermutlich den meisten geht, stürzt nach so einem Schicksalsschlag auf den Betroffenen, die Familie und die Freunde eine Menge ein. Man hat sich noch nie zuvor mit dem Thema auseinandergesetzt...
Nun ist es so, dass es meiner Freundin \"den Umständen enstprechend\" ganz gut geht was die Fortschritte in der Reha etc. angeht.
Sie ist auch eine ehrgeizige und fast schon verbissene Kämpferin.
Entsprechend auch die Enttäuschung bei diversen Rückschlägen und natürlich muss alles ja verarbeitet werden.
Wir als Freundeskreis wollen ihr natürlich so gut wir können helfen. Trotzdem ist es oft schwer, es richtig zu machen.
Ihre Stimmung schwankt zwischen \"himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt\" was ja verständlich ist.
Es ist oft schwer, an sie heranzukommen.
Sicherlich ist das auch typabhängig, aber mich würden mal eure Erfahrungen interessieren!

von: Kate am: 21.06.2012 12:06h
Antworten: 10, Views: 1369

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Beitrag (#1) von: Chong am: 22.06.2012 22:37h

schwierig, aber kann eine interessante erfahrung sein

so etwas ist wahrscheinlich die extremste erfahrung, die man so durchleben kann; als betroffener sub c 3 kann ich nur sagen, dass deine freundin sicher noch eine ganz zeit brauchen wird, um wieder eine in deinen augen stabile persönlichkeit zu sein: nahetoderfahrungen sind eine sehr persönliche und immens komplexe, tiefgehende erfahrung: das system mensch braucht dann einfach eine weile, um mit der extremerfahrung zurechtzukommen, den überlebenstrieb, selbsterhaltungsinstinkt gibt es wirklich und ganz real, einmal ausgelöst ist normalität erst wieder nach einiger zeit möglich

das ist aber nicht schlimm und geht nach einer weile wieder vorbei, irgendwann stellt sich ein veränderter, angepasster normalzustand ein, der mit jedem tag stabiler wird

seh es einfach als bereicherung, dabei zu sein, und nimm es nicht zu persönlich, man muss in derartigen extremsituationen etwas egozentrischer als sonst sein; emotionale ressourcen für andere hat deine freundin wahrscheinlich noch eine ganze weile nicht im bekannten umfang

bereicherung ist nicht zynisch gemeint, sondern in dem sinne, dass du das leben, wie es nun einmal ist, aus der bequemen zuschauerposition auch im absoluten extrem erleben kannst; genieße und lerne!

auf jeden fall wird sich deine freundin, auch wenn sie es manchmal nicht so gut zeigen kann, weil sie emotional überlastet ist, im unterbewusstsein immer und über jede zuwendung freuen; je geduldiger du bist, nicht erschrickst wenn sie manchmal, in durchaus gerechtfertigte emotionale extreme verfällt, um so leichter kann sie sich öffnen. wichtig, denn das ist gar nicht so einfach zu vermitteln, was man da so erlebt und fühlt: mir gelingt es außerhalb des qs-therapeutischen, also Ergo, KG, MTT..., bis heute immer noch nicht ganz sicher, mit Normalmenschen umzugehen, schwerbehinderung heißt einfach anders sei, 24 stunden am tag: das ist am anfang ganz schön anstrengend, wie in einem fremden land leben!


Beitrag (#2) von: Chong am: 22.06.2012 22:50h

schwierig, aber kann eine interessante erfahrung sein

je mehr ihr ihr das gefühl gebt, dass sie sich auch mal daneben benehmen darf, ohne dass es schlimm ist, um so besser, schneller wird sie die \"emotionalen\" flash backs, aus deiner sicht überreaktionen, verarbeiten

das wie bei einem kleinen kind, dass so viel neues lernen muss, dass es manchmal einfach zuviel ist, und es aus aus erwachsenensicht nichtigem anlass bspw. heult oder einfach nur noch albern ist; das ist auch so, wenn man fast alles neu lernen muss

ich habe seitdem sozusagen zwei geburtstage, bin mittlerweile einerseits übervierzig, andererseits gerade erst mal 7! wenn ich mal wieder etwas nicht schaffe, dann sage ich mir einfach wie einem kleinen kind: is nich so schlimm morgen geht es besser, nächstes mal

BSP: brauchte aus auch hirnblutung fast 2 jahre, um mehr als 2 stunden oder so überhaupt außerhalb der wohnung sein zu können, so extrem hat mein geschundenes hirn auf jede art von reiz reagiert; stück für stück erkämpfe ich mir aber normalität zurück: erst wieder einkaufen lernen, dann weggehen lernen, dann bspw. schwimmbad gehen ausprobieren, endlich wieder in die geliebte sauna dürfen, erste kleine zugreise machen etc... Schritt für Schritt zurück ins leben, nie aufgeben, auch wenn mal was schief geht, Geduld haben mit sich selbst und anderen!


Beitrag (#3) von: Chong am: 23.06.2012 02:26h

bin noch am surfen, noch ein nachtrag von drittseite

http://www.rolli-wegweiser.at/rww/1082.html


Beitrag (#4) von: DaniB am: 23.06.2012 11:13h

RE: bin noch am surfen, noch ein nachtrag von drittseite

hallo kate,
in teilen stimme ich chong zu, aber in sehr vielem auch nicht. m. e. sind seine texte zu sehr auf seine persönliche situation bezogen, die bei deiner freundin komplett anders sein kann. nicht jeder qs hat eine nahtoderfahrung etc.
ich fühle mich auch nicht 24 std. am tag anders als andere - im gegenteil. meistens fühle ich mich ganz \"normal\".
naja, auf jeden fall ist es - wie du ja selbst schreibst - schwer, allgemeingültige aussagen zu treffen, da wirklich vieles typabhängig ist und zudem noch von den umständen abhängt (privat, beruflich, was für ein qs). zum einen denke ich, dass sie in den vergangenen monaten schon sehr viele dinge akzeptiert hat, akzeptieren musste. und ich kann jetzt auch nur für mich sprechen: so richtig helfen kann einem in der situation niemand. es ist wichtig, ihr zu zeigen, dass ihr für sie da seid, wenn sie euch braucht, sie aber auch mal in ruhe zu lassen, wenn sie es möchte. ausserdem sollte man nichts verharmlosen (so ein gutgemeintes schulterklopfen im sinne von \"das wird schon wieder\"), aber auch nicht so tun, als wäre das leben komplett vorbei. und was ich auch wichtig finde: falls sie mal so richtig mies drauf ist und unfair wird, muss man ihr das auch sagen. ehrlichkeit ist wichtig und ruhig auch mal sagen, dass man - wenn es so ist - nicht weiß, wie man mit der situation richtig umgehen soll.
naja, ob dir das jetzt weiterhilft? ich bezweifle es... ;-)
alles gute für deine freundin,
dani


Beitrag (#5) von: Chong am: 24.06.2012 19:25h

RE: RE: bin noch am surfen, noch ein nachtrag von drittseite

dani, das war aber doch die frage, oder:

\"Sicherlich ist das auch typabhängig, aber mich würden mal eure Erfahrungen interessieren! \" (:-))

und wo ist der große unterschied zwischen meinen persönlichen erfahrungen als betroffener, deiner antwort und dem link?

außer hirnblutung bei mir ontop gibt es glaube ich keinen; und wenn du bspw einen w wicker-psychologen oder so fragst, vgl. die FGQ-Artikel zum Thema, dann wirst du feststellen, dass die es eigentlich schon so sehen, aus ihrer erfahrung im qs-zentrum; ich glaube, da bist du aus sehr persönlichen gründen nicht ganz ehrlich mit dir und der fragerin

schau doch mal auf der FGQ-Website, oder im paraplegiker; so gut wie alle brauchen eine ganze zeit, bis sie ihre knochen wieder zusammengeklaubt haben, mach dir da nichts vor, oder bist du vielleicht keine betroffene?

gruß


Beitrag (#6) von: DaniB am: 24.06.2012 22:26h

RE: RE: RE: bin noch am surfen, noch ein nachtrag von drittseite

hallo chong,
eine nahtoderfahrung ist, selbst bei oft massiven begleitverletzungen z. b. eher eine ausnahme. und auch der hirnblutung widmest du eine recht große aufmerksamkeit. aus deiner sicht nachvollziehbar, aber sicher für die fragestellerin nicht relevant. und bestimmt hast du für viele dinge viel mehr gekämpft als ich es musste. dinge wie einkaufen, schwimmbad, weggehen, reisen gehörten für mich recht schnell wieder zum alltag. und wenn du - zu recht - für dich in anspruch nimmst, deine persönlichen erfahrungen hier mitzuteilen, musst du mir das wohl auch zugesehen, auch wenn ich da an dramatik vielleicht nicht mithalten kann. ich kann nur einen inkompletten, tiefen qs \"bieten\". es geht halt jeder anders damit um. und ich muss auch nicht fgq und paraplegiker konsultieren, um zu wissen, wovon ich spreche. aber schön, dass du mir gleich unterstellst, nicht \"betroffen\" zu sein - meist unterstellt man ja anderen nur das, was man selbst bereit wäre zu tun, oder?
schönen abend für dich.


Beitrag (#7) von: Kate am: 25.06.2012 12:21h

Vielen, vielen Dank....

Hey ihr, vielen Dank für die ausführlichen und ehrlichen Antworten! Ich bin sehr beeindruckt, wie offen hier über sehr persönliche Dinge gesprochen wird!
Es ist sehr wichtig für mich, zum einen, da neue Aspekte hinzukommen, an die ich bisher nicht gedacht habe und zudem auch teilweise meine Erfahrungen, mein Eindruck bestätigt wird!
Aber bitte werdet doch nicht so hart im Umgangston miteinander... es können doch auch verschiedene Meinungen nebeneinander bestehen!
LG, Kate


Beitrag (#8) von: Chong am: 04.07.2012 04:37h

RE: RE: RE: RE: bin noch am surfen, noch ein nachtrag von drittseite

klar kann man unterschiedlicher meinung sein, aber hab ja auch ein paar externe belege reingelinkt; ich glaube, die Antwort liegt wie so oft in der läsionshöhe, wie DaniB ja in Ansätzen auch zugegeben hat:

hoch halsmarkgelähmt, ob C0 oder C3 heißt halt leider gottes atem- und vitalfunktionsprobleme, und zwar einfach immer potentiell lebensbedrohlich, stichwort bspw vegetative entgleisungen; ich hatte halt leider simultan mit beidem zu kämpfen, was soll ich sagen, war halt so, war stundenlang ganz weg,ko, danach wochen im \"nebelmeer\"!


dass das fast worst case ist, weiß ich selber, aber genauso ist eben ein leichtes lws-syndrom eine, nicht repräsentative, ausnahme; jeder querschnitt ist anders, aber je höher um so schlimmer, das ist sicher, und daniB, nimms mir nicht übel, (:-)), ist mir ein wenig zu hart: ich bin der meinung, man muss sich die emotionen zum thema zu- und eingestehen, sonst verarbeitet man sie nie, verdrängen hilft selten, außer fürs magengeschwür (:-))

wenn ich weinen muss, muss ich halt weinen, wenn ich lachen muss, freue ich mich, dafür hat mensch emotionen; schön, wenn man sie vor lauter stress nicht verloren hat, sonst ist man nämlich klinisch depressiv, nichts, was ich freiwillig gerne wäre; immer raus damit, nichts runterschlucken, das macht es nur schlimmer

gruß


Beitrag (#9) von: Chong am: 04.07.2012 04:55h

RE: Vielen, vielen Dank....

nett deine rückmeldung!

lass dich nicht schocken, hier geht es oft noch ganz anders zu (:-));

und, alte hasen hier warnen einen sofort vor den fakes und noch übleren naturen, von amelo bis privatschnüffler, die hier so ihre kreise ziehen;

aber, für mich bspw. gibt es kaum eine alternative, wenn ich mich mit betroffenen außer der wenigen zeit im querschnittzentrum austauschen will, was ich oft einfach muss, will ich weiterkommen mit bspw. meiner therapieoptimierung...

daniB s antwort hat mich aber in großen teilen zufriedengestellt, versöhnt, die höhe und das inkomplette dürften den großen unterschied in der erfahrung ausmachen; darüber hinaus bin ich analytiker von beruf gewesen, für mich ist, war es schon immer normal mich frontal, ganz genau mit sachen auseinanderzusetzen; verdrängen kann ich leider, will ich gar nicht, aber jede/r wie er/sie mag

gruß


Beitrag (#10) von: Lena244 am: 17.07.2012 21:36h

RE: RE: Vielen, vielen Dank....

Huhu,

ich bin selbst nicht QS aber mein Mann ist seit 2 Jahren im Rollstuhl unterwegs...

Am Anfang ist es, wie du schon sagst auch bei meinem Mann ein auf und ab gewesen was die Gefühle angeht...Aber das gibt sich... ich glaube am anfang muss erst mal der/die Betroffene realisieren was da überhaupt los ist...

Ich habe einfach immer hinter meinem Mann gestanden, ihm gezeigt, dass es mir egal ist ob er zukünftig rollt oder läuft und das das nichts an unserer Beziehung und den Gefühlen einander ändert... ich habe einfach mitgemacht, wenn man das so sagen kann...

Ich war auch fast immer in der Klinik und habe alles miterlebt und vor allem mitgelernt!

Wenn es ihm mal schlecht ging dann haben wir auch mal zusammen geweint aber dann auch immer ganz schnell wieder zusammen gelacht... Ich habe immer versucht ihm die positiven Seiten (hört sich jetzt vielleicht sau doof an) zu zeigen und habe ihn oft einfach mal mitgerissen... in seinem Fall war das auch genau das richtige...aber ich kenne ihn auch in und auswendig...

Irgendwann kam dann die Zeit, da konnte er vieles schon wieder selber (also es hat sich nichts verbessert an seiner Lähmung aber er hat vieles neu erlernt) wie zB selber an und ausziehen, selber entscheiden wann er ins Bett geht und wann er aufsteht, selber Katheterisieren usw... Das hat ihm und seinem Gefühl sehr gut getan... Auch als er dann in der Klinik ein paar nette \"alte Hasen\" kennen gelernt hatte mit denen dann man bis spät in die nacht noch in der Kliniks-Cafeteria gesessen hat, dass hat ihm in meinen Augen auch gut getan...

:-)




 
 
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