Thema: Wo?
Hallo aus Hamburg -
ich habe mich vorhin hier angemeldet, denn ich kam gestern zurück aus Barcelona mit ein paar Fragen und Eindrücken, die sich mir schon ein paar Mal gestellt haben. Und auf dem Rückflug habe ich mich an diese Website erinnert, die ich vor ein paar Jahren mal gesehen hatte.....
Folgendes: Barcelona scheint mir erstmal eher weniger rollstuhlgerecht als Hamburg, zumindest im Kern - aber mangels Erfahrung bin ich da nicht so sensibilisiert. Trotzdem ist mir aufgefallen, dass ich dort an einem Tag mehr Rollstuhlfahrer gesehen habe, als hier in Hamburg (zentral!) in einem Jahr - mal diejenigen, die den Rollstuhl altersbedingt brauchen, außen vor gelassen.
Ich meine Leute "so wie mich" - oder sagen wir so: Leute, die sich eher einen Coulors-Rollstuhl aussuchen würden als ein Standardmodell. - Nur um mal so ganz grob eine Typbeschreibung abzugeben. Bitte als weitere Zutaten die gesamte Farbpalette von uns Individuen in Typ und natürlich auch Grad der Einschränkung im Sinn. Es gibt ja auch nicht nur ein Colours-Modell....
Aber worauf ich hinaus will - bei der Beobachtung kommen mir Fragen in den Sinn wie:
Gibt es hier wirklich so wenig Rollstuhlfahrer?
Ist Hamburg so wenig rollstuhlgerecht?
Regnet es hier einfach zu oft?
Ist alles viel komplizierter als ich es mir vorstelle?
Findet das Leben mit Behinderung - selbst bei geringerer Einschränkung - überwiegend Zuhause statt?
Ist unterwegs sein so schwer zu realisieren?
Oder wird es so schwer gemacht?
Ist das hier in Deutschland anders als z.B. in Spanien?
Stichwort Reaktionen der Fußgänger auf Rollstuhlfahrer, Menschen mit Handicap - ?
Das würde mich wirklich interessieren!
Ich weiß nicht, ob ich aus Betroffenensicht lauter blöde Frage stellen - ? Falls dem so ist, bitte ich um Nachsicht.
Beste Grüße, Corinna
von: consche am: 30.01.2008 15:03h
Antworten: 11, Views: 1628
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Beitrag (#1) von: Rainer am: 31.01.2008 02:31h
Naja ich bin auch immer wieder überrascht wieviele Rollstuhlfahrer ich bei guten Wetter in Hamburg sehe.
Zwecks Selbsterhaltung in kombi Junggesellenleben und keiner Pfegestufe muß ich auch bei schlechten Wetter vor die Tür, sodaß ich den vergleich habe.
Hamburg ist wenn man ein wenig plant und sich um Info bemüht bei meinem handicap rollstuhlgerecht und viele Ziele weitgehend gut erreichbar. Bei öpvn muß man ein wenig rolette spielen (Fahrstühle und die neue Eu-Busverordnung).
Was in Spanien anderes kann Dir Sammy von der Insel am besten beantworten.
Gruß Rainer
Beitrag (#2) von: Sammy am: 31.01.2008 10:36h
RE:
es ist in der Tat so, dass in Barcelona mehr Rollis leben als in anderen Städten in Spanien, kommt daher, dass 1992(?) dort die Olympiade und in deren Fahrwasser die Paralympics stattfanden, so wurde Barca eine der ersten konsequent barrierefreien Städte.
das Zentrum selber ist natürlich viel älter und "gewachsen", ist aber nicht schlimmer (oder besser) als andere Städte, fehlt es dort an Barrierefreiheit, machen die Spanier es mit ihrem entspannten Umgang wieder wett, da können wir Deutsche uns noch eine dicke Scheibe abschneiden ;)
Beitrag (#3) von: consche am: 01.02.2008 21:12h
Hi Rainer, hallo Sammy,
danke für die Antworten! Jetzt bin ich schon mal schlauer. Mir ist übrigens auch noch klar geworden, dass die Überraschung hier in der Ecke vielleicht doch nicht so groß ist - zumindest was die Wohnlage betrifft, denn hier rund um die Schanze (und Ottensen z.B.) gibt´s ja jede Menge Altbau des kleineren Formats und welcher Eingang liegt da nicht im Hochpaterre - und Fahrstühle gibt´s hier auch (fast) keine.
Aber auffällig find ich´s trotzdem irgendwie - denn insgesamt gesehen eine relativ kleine Gruppe zu stellen, ist ja das eine, aber hier in meinem Alltagszirkeln passte eher die Formulierung "abwesend" - ? (Nur zur Ergänzung: manchmal bewege ich mich sogar auch über den Kreis hinaus...)
Auf jeden Fall gehöre ich von Zeit zu Zeit zur Gattung der Ursachenforscher - warum? wieso? weshalb?
Schönen Gruß, Corinna
Beitrag (#4) von: Joeryboy am: 01.02.2008 23:46h
RE:
naja...ganz so schlimm ist es in hh nun auch nicht. generell sind rollis eher selten und hängen meist in ihren buden ab...denke das das echt vor allem mit den nervigen blicken zu tun hat an die sich einige wohl nie gewöhnen können...ansonstn ist hh schon okay mit dem rolli... wenn nur die rolli parkplätze in der poststraße nicht immer dircht mit "asis" wäre... ausserdem
Beitrag (#5) von: Joeryboy am: 01.02.2008 23:49h
RE: RE:
ausserdem ist man ja auch als fussi nun nicht jeden tag in city...wenns nicht sein muss erspar ich mir das auch und regel es im bahrenpark um die ecke... aber aufgrund der größe ist hh sichert rolligerechter als andere Orte. Finds aber ne Frechheit die sei biem Altona Bahnhof dieses scheiss Kopfsteinpflaster verlegt haben ... dabei ist da alles neu...das entgeht auch jeder Begründung , es ist teurer und unpraktische...nicht nur für rollis...finde das ist widerrum schon ein ziemlich deutliches zeichen was die stadt von rolli gerechten bauen hält...
Beitrag (#6) von: consche am: 06.02.2008 20:27h
Ja - seltsam, dass auf die Weise neu gebaut wird. Und ja: wer will schon in die Stadt - meinte eher den erweiterten Kern der Stadt. Das mit den Blicken kann ich mir gut vorstellen. Das ist aber auch eine Herausforderung - nicht zu kurz, nicht zu lang. Ich hab mich auch schon manchmal gefragt, wie nun. Das, was man registriert ist ja das Besondere - nur ist das Auffallen, was der mit den grünen Haaren und Iro auf dem Kopf cool findet, für euch sicher ziemlich nervig. Also "nicht zu kurz, nicht zu lang" - ?! Oder trifft das jetzt gar nicht den Punkt?
Beitrag (#7) von: Joeryboy am: 27.02.2008 21:39h
RE:
okay.. ich weiss das es wirklich ein wundermittel ist vor allem gegen hohen Muskeltonus und/oder Spastik...aber ich würde eine Verringerung der Dosis empfehlen um auch für Sopur-Rollstuhlfahrer (no crazy colours) verständlich zu bleiben. deshalb nicht zu kurz ,ABER auch nicht zu lang dem genuss verfallen...
kurz gesagt verstehe ich weder deine fragen,deine gedankengänge , noch deine argumentationen
Beitrag (#8) von: consche am: 17.03.2008 22:13h
Okay - !?
Mmmh.
Zurück zum Blick.
Was genau ist ein »nerviger Blick” - ? Was ich im Laufe der Jahre zum Thema aufgeschnappt habe, rankt sich entweder darum, dass der Blick wie peinlich berührt gleich wieder abgewendet würde - oder mit allzu großer Neugier, Bemitleidung o.ä. zu lange zugewandt bliebe. Wenn ich das ernst nehme und (typisch leicht verkopft) darüber nachdenke, finde ich, ergibt sich schon eine Herausforderung - u.a. als Resultat dessen, dass es eben im Laufe der von-klein-auf-an-Sozialisation für die meisten nicht alltäglich ist, mit Menschen mit Handicap im Kontakt zu sein.
Wie soll ich mich denn jetzt verhalten? - fragt Otto-Normal-Verbraucher.
Ganz normal - sagt der Betroffene.
Gut - denkt der Ahnungslose - dann tu ich so, als hätte ich nichts bemerkt.
- ?
Ich glaube, dass das Auge, das Gehirn, das Besondere immer wahrnimmt - wertfrei registriert es erstmal die Unterscheidung vom unauffällig Gewöhnlichen. Das führt zum zweiten Blick. Zum Leidwesen derer, die gar keinen Bock haben, aufzufallen. ( - Vielleicht ist das ursprünglich eine Form von Kontrollblick - ist alles gut oder muss ich reagieren, ausweichen, fliehen? - ?)
Alles ganz normal, weil vertraut, im kleinen Kreis - aber gesellschaftlich im großen Ganzen steckt ein Wurm drin.
Ungefähr so?
Schönen Gruß, Corinna
Beitrag (#9) von: ninalu am: 18.03.2008 19:30h
RE:
Hi Corinna !
Vielleicht dazu ein kleines Erlebniss meinerseits ! Ich sehe fast jeden Tag eine nett aussehende Dame die im E-Rolli in der Goethestr. in Frankfurt auf und ab fährt !
Sie scheint dort zu betteln ! Wir kamen uns entgegen ... ich lächelte sie freundlich an ... sie starrte mich etwas verschreckt an. Zwei Tage später ... wir kommen uns wieder entgegen .... ich lächele .... sie lächelt zurück ! Drittes Treffen ... wir kommen uns entgegen .... ich lächele ... sie lächelt .... wendet schleunigst den Rolli und flüchtet in höchster Geschwindigkeit !
Und ich stand da etwas verdattert ! Hab doch gar nix gemacht ! Hilfe !
Ich hoffe sie verwechselt meine Kurieruniform nicht mit dem hiesigen Ordnugsdienst !
Beitrag (#10) von: klaus560 am: 18.03.2008 20:19h
RE: RE: Uniform
loool
genau, das wird es gewesen sein. Sei froh, daß sie nicht aus dem Rolli aufgesprungen und davongerannt ist - solche gibt es auch.
aber zum Thema:
Ich kann mich noch gut erinnern, als ich kurz nach der Reha mit Schulfreunden zelten war - als einziger Rolli auf dem Campingplatz. Die haben mich gefragt ob es mir nicht auffällt wie die Leute schauen. Ich meinte nur: "Echt - na dann fahre ich jetzt eine Runde meinen Komplex pflegen" Wirklich selbst heute noch bin ich beim laufen oder rollifahren viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt als daß mir das irgendwie auffällt. Und selbst wenn - manchmal sind die Leute sogar so "neugierig" daß sie eine Frage stellen z. Bsp. wie ich autofahre. Ich empfinde dies dann eher als positiv, weil ich ein ungezwungenes Verhältnis zu mir und meiner Behinderung habe. Würde jemand im Schwimmbad einen einarmigen Handstand machen und sich mit der anderen Hand die Socken anziehen würden die Leute auch schauen - warum sollen sie dann nicht schauen wenn ich mich in 2-3 Minuten anziehe.
Klaus-Uwe
Beitrag (#11) von: consche am: 16.05.2008 11:37h
Lange Leitung
Hallo Klaus-Uwe, bin ja nicht die Schnellste... Deinen Beitrag hatte ich längst gelesen - heute komme ich mal wieder zu was.
Die Sache mit der Ungezwungeheit würde ich mir wünschen, find ich toll, dass du das so sehen und leben kannst. Und ich fänd´s klasse, wenn es eine Entwicklung geben würde, die zu mehr Unverkrampftheit führen würde.
Ich habe mal in der Planung für eine Studienarbeit (Foto-Reportage) Kontakt aufgenommen mit dem Verein BhN, also Behinderte helfen Nichtbehinderten. Genauer war ich mit Reinhild Möller, die Skifahrerin, in Kontakt - die haben ja auch mit ihrem Konzept einen Preis gewonnen. Allerdings glaube ich, dass sich da relativ wenig tut - ??? Zumindest sieht die Website nicht anders aus als vor acht Jahren und hier in Hamburg hat sich, glaube ich, nie Aktivität ergeben. Schade eingentlich, das Konzept finde ich überzeugend - zumal die Mentoren durch ihre sportliche Aktivität mit Handicap oder durch ihre Persönlichkeit ansich, die Möglichkeit haben, mit dem Ansatz nach außen zu gehen, wie du ihn auch schilderst (Campingplatz, u.a.). Wir hatten übrigens eine Deutschlehrerin, die mit uns in der 7. Klasse eine Annäherungs-Aktion unternommen hat, nämlich den gegenseitigen Schulbesuch von uns und einer Klasse einer Schule für behinderte Schüler. Tatsächlich ergab sich bei mir später eine Freundschaft mit zwei der Mädchen, allerdings war die ganze Veranstaltung auch eher verkrampft und ich glaube, zeigt auch die Problematik mit diesen Sonderschulen, die so viele verschiedene Behinderungen und einfach auch - wie sagt man das - intellektuelles Potential zusammenwürfeln. Das war eine so unglaublich heterogene Klassengemeinschaft, dass sie eigentlich gar keine werden konnte. Aber ich habe da nur die eine Erfahrung aus ca. 1988.
Wie dem auch sei - ich hätte große Lust, mal das BhN-Konzept aufzugreifen. Aber das hebe ich mir für später auf: Wenn die Kinder größer, die Existenzgründung einträglicher, die Beziehung entspannter...u.s.w. ist. Schöne Grüße, Corinna