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Medizin und Wissen

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NEUROLOGIE | 01.05.2005

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Bis ins Mark

 

Lange Zeit galt eine Querschnittslähmung als unabänderlicher Schicksalsschlag. Doch inzwischen verstehen Forscher besser, was die Reparatur durchtrennter Rückenmarksnerven verhindert - die Hoffnung auf eine Therapie wächst.

Inhalt:
Teil 1
Teil 2»
Teil 3»
Teil 4»
Teil 5»
Teil 6»

Von Ulrich Kraft

Das große Ziel war zum Greifen nahe, in gut vier Wochen sollten die Olympischen Spiele in Athen beginnen. Qualifiziert hatte sich Ronny Ziesmer, der beste deutsche Turner des Jahres 2003, längst. Jetzt ging es nur noch darum, die schwierigen Übungen im Training zu perfektionieren - beispielsweise den Tsukahara-Doppelsalto. Dieser wird dem 25-jährigen Ausnahmesportler am 12. Juli 2004 zum Verhängnis. Ziesmer landet nach dem Sprung so unglücklich auf dem Kopf, dass er sich den fünften und sechsten Halswirbel bricht. In einer Notoperation können die Ärzte zwar die Wirbelsäule stabilisieren und damit sein Leben retten, ihre Diagnose fällt dennoch fatal aus: Die Verletzung schädigte das Rückenmark so schwer, dass der Sportler vom Hals abwärts gelähmt ist. Ziesmers Schicksal erleiden allein in Deutschland jedes Jahr etwa 1800 Menschen, die meisten infolge von Unfällen. Was wohl die Tatsache erklärt, dass junge Männer das Gros der Querschnittsgelähmten stellen. Ein Kopfsprung ins seichte Wasser, ein Crash mit dem Auto oder, wie im Fall des am 10. Oktober 2004 verstorbenen Superman-Darstellers Christopher Reeve, ein Sturz vom Pferd - oft sind es nur kurze Momente von Unachtsamkeit, übertriebener Risikobereitschaft oder jugendlichem Leichtsinn, die das Leben der Betrogenen für immer verändern. Von da an bleiben sie auf den Rollstuhl angewiesen, können je nach Lage der Verletzung auch die Arme nicht mehr bewegen oder im schlimmsten Fall sogar nicht einmal selbstständig atmen.

 

Datenautobahn Rückenmark

Doch damit nicht genug. Denn über den etwa 45 Zentimeter langen fingerdicken Strang aus Millionen von Nervenbahnen werden die verschiedensten Körperfunktionen gesteuert; er stellt das Hauptkabel dar, über das unser Gehirn Befehle an die Peripherie verschickt. Und von dort laufen Informationen wieder über die »Datenautobahn« Rückenmark ins Gehirn zurück, also etwa Berührungsreize oder Schmerz. Deshalb lähmt eine Rückenmarksverletzung nicht nur Arme und Beine, die Betroffenen verlieren auch die Kontrolle über Darm und Blase, empfinden weder Berührungen noch Schmerz und büßen ihre Sexualfunktion ein. Wieder etwas spüren zu können, wäre vielen Querschnittsgelähmten fast wichtiger als die Fähigkeit, ihre Beine zu benutzen. Bis vor Kurzem galt beides allerdings als vollkommen utopisch. In Gehirn und Rückenmark - zusammengenommen als
zentrales Nervensystem (ZNS) bezeichnet - regenerieren sich Nervenzellen nicht. Diese Lehrmeinung stand so unverrückbar wie ein Fels. Und wenn durchtrennte Nervenfasern nicht mehr nachwachsen, dann kann man bei Rückenmarksverletzungen therapeutisch auch nichts ausrichten. Heute hat diese Vorstellung ausgedient. In verschiedenen aktuellen Studien erholte sich das verletzte Rückenmark bei querschnittsgelähmten Ratten und Mäusen unter bestimmten Umständen sogar so weit, dass die Tiere wieder laufen konnten. Deshalb gehen die meisten Experten inzwischen davon aus, dass Nervengewebe sich grundsätzlich doch reparieren lässt. Die Botschaft sorgt für ungeheuren Optimismus - unter Patienten wie Wissenschaftlern. Derzeit suchen denn auch zahlreiche Forschergruppen auf der ganzen Welt fieberhaft nach Wegen, die beschädigten Rückenmarksnerven beim Wachsen zu unterstützen. Wird es Neurowissenschaftlern tatsächlich gelingen, gelähmte Menschen wieder zum Gehen zu bringen - und falls nicht sofort, dann doch zumindest in absehbarer Zukunft? Martin Schwab ist da vorsichtig optimistisch.

 

Rollstuhl ade?
Ärzte hoffen, eines Tages Querschnittsgelähmten wieder die Kontrolle über den eigenen Körper zurückgeben zu können.

 

Seine Arbeitsgruppe am Institut für Hirnforschung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich erforscht seit 1985 die Mechanismen des Nervenzellwachstums. »Vor wenigen Jahren noch galt unser Fachgebiet als hoffnungsloser Fall«, erklärt der Neurobiologe.»Das hat sich radikal geändert.«
Dennoch warnt er eindringlich vor übertriebener Euphorie. »Die Zerstörung des Rückenmarks gleicht der Explosion einer Bombe in einem Rechenzentrum. Es zu reparieren ist genauso kompliziert, wie all die Kabel wieder zusammenzufügen.«

 

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