Medizin und Wissen

NEUROLOGIE | 01.05.2005
Bis ins Mark
Inhalt:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Rätselhafte Blockade
Schwab setzte bei der Beobachtung an, dass durchtrennte Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark durchaus eine unterbrochene Verbindung wieder herstellen können. Grundsätzlich kann der Organismus also Neurone regenerieren, nur scheint im ZNS diese Fähigkeit blockiert.
Eines Tages entdeckte der Zürcher Hirnforscher etwas Unerwartetes. Auch nach einer Durchtrennung des Rückenmarks beginnen die Nervenzellen zunächst unverzüglich neue Fortsätze in Richtung der verletzten Stelle zu entsenden - bis irgendetwas diesen Reparaturversuch unterbindet und die Neurone ihre Wachstumsbemühungen einstellen.
Der Schweizer machte sich auf die Suche nach diesem »Spielverderber«. In der Myelinschicht, einer isolierenden Hülle, die alle Nervenfasern des Rückenmarks umgibt und ihnen ermöglicht, Impulse mit hoher Geschwindigkeit weiterzuleiten, stieß seine Forschergruppe schließlich auf einen höchst verdächtigen Kandidaten: einen Eiweißstoß , der neuronales Wachstum hemmt. Schwab gab dem Protein den Namen Nogo (englisch no go: Stopp). Auch im Gehirn kommt Nogo vor, im peripheren Nervensystem hingegen nicht. Nach Schwabs Vermutung soll diese molekulare Bremse verhindern, dass die Nervenzellen unkontrolliert weiterwachsen, nachdem die Entwicklung des Zentralnervensystems abgeschlossen ist. Auf diese Weise stabilisiert es die komplexen Neuronennetze. So sinnvoll dieser Mechanismus im gesunden Organismus sein mag, nach Rückenmarksverletzungen stoppt Nogo offenbar das Aussprossen neuer, heilender Nervenzellverbindungen. Um diese These zu untermauern, entwickelten die Zürcher Wissenschaftler einen spezifisch Nogo bindenden Antikörper - mit dem Ziel, damit die Wirkung des Wachstumshemmers auszuschalten. Zunächst probierten sie ihre neue Anti-Nogo-Waffe in der Petrischale an isolierten Nerven von Ratten aus. Mit Erfolg, wie der Blick durchs Mikroskop zeigte: Aus den durchtrennten Nervenfasern wuchsen Hunderte neuer Axone - jener Zellfortsätze, die Impulse von einem Neuron zum anderen übertragen.
>Die Zerstörung des Rückenmarks gleicht der Explosion einer Bombe in einem Rechenzentrum<
Daraufhin folgte der nächste Schritt - ein Test am lebenden Objekt. Schwab durchtrennte bei mehreren Ratten teilweise das Rückenmark. Dann verabreichte er den partiell gelähmten Nagern mittels einer unter die Haut implantierten Pumpe mehrere Wochen lang den Antikörper gegen Nogo. Schon die Mikroskopbilder von Gewebeproben dieser Tiere gaben Anlass zu Optimismus: Jetzt
überbrückte ein feines Bündel von Nervenfasern die zuvor abrupt endende verletzte Stelle. Zwar war damit zunächst noch nichts gewonnen - schließlich könnten sich die sprießenden Nervenbahnen ja falsch verknüpfen. Doch Verhaltenstests vertrieben diese Unsicherheit. Nach der Behandlung bewegten sich die rückenmarksverletzten Ratten ähnlich behände wie ihre unversehrten Artgenossen. »Sie schwimmen, balancieren über Stege, greifen nach Futter und klettern an einem Seil hoch«, berichtet Schwab stolz.
Im Jahr 2000 gelang es mehreren Forschergruppen gleichzeitig, auch das menschliche Nogo-Gen zu identifizieren. Durch Klonierung dieser DNA lässt sich nicht nur die Wachstumsbremse selbst in großen Mengen produzieren, sondern auch der so viel versprechende Antikörper dagegen. Spätestens seit diesem Durchbruch erregt das Molekül auch die Aufmerksamkeit der Pharmafirmen. GlaxoSmithKline war an der Entschlüsselung des menschlichen Nogo-Gens beteiligt, Novartis sicherte sich 2001 die Rechte an Schwabs Antikörper-Technologie. Das renommierte Wissenschaftsmagazin »Science« bezweifelt allerdings, dass sich die Industrie wirklich dafür interessiert, Querschnittsgelähmten zu helfen. Denn verglichen mit Massenleiden wie Krebs oder Herzerkrankungen gäbe es hier viel zu wenig Patienten - und ein so kleiner Markt lohne den enormen finanziellen Aufwand bei der Medikamentenentwicklung nicht. Was die Firmen stattdessen antreibe, sei die Idee, dass sich der Nogo-Antikörper auch bei solchen neurologischen Erkrankungen als nützlich erweisen könnte, die wesentlich mehr Patienten betreffen - etwa bei der Parkinson-Krankheit oder bei Schlaganfällen. Eine durchaus berechtigte Hoffnung, denn bei all diesen Leiden sterben im ZNS massenhaft Nervenzellen ab.
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