Medizin und Wissen

NEUROLOGIE | 01.05.2005
Bis ins Mark
Inhalt:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Rodung des molekularen Dickichts
Elizabeth Bradbury vom Kings College in London rückt diesem hinderlichen Gestrüpp mit der so genannten Chondroitinase ABC zu Leibe. Die »molekulare Machete«, wie Lars Olson sie bezeichnet, spaltet von den sperrigen CSPGs die Zuckerseitenketten ab - und das Dickicht löst sich auf. Um zu überprüfen, ob dieses Bakterienenzym auch das Potenzial besitzt, bei Querschnittslähmungen die Narbenbildung zu verhindern, durchtrennten die Londoner Forscher ihren Versuchsratten mit einer Pinzette teilweise das Rückenmark. Unmittelbar danach spritzten sie den Nagern Chondroitinase ABC in die verletzte Stelle.
Fernziel am Horizont
An Krücken zu gehen, wäre schon ein Gewinn für Querschnittsgelähmte. Wird irgendwann sogar dieses Hilfsmittel nicht mehr nötig sein?
Und der Stoff tat seine Wirkung. Bereits bei den Gewebsuntersuchungen unter dem Mikroskop konnten die Wissenschaftler sehen, wie die Nervenzellen in der verletzten Region sich regenerierten und neue Verbindungen knüpften. Dass diese frischen Fasern auch in der Lage sind, Informationen weiterzuleiten, bewiesen ein bis zwei Wochen später durchgeführte Lauftests. Hier schnitten die mit dem Bakterienenzym behandelten Ratten kaum schlechter ab als gesunde Artgenossen. Ihre Schrittlänge hatte sich fast vollständig normalisiert, und sie meisterten sogar die schwierige Übung, über einen schmalen Balken zu balancieren. Unbehandelte Tiere scheiterten an dieser Aufgabe hingegen kläglich.Auch Dennis Stelzner und sein Teamvon der State University New York wollen die Narbenbildung mit Hilfe der Chondroitinase bereits im Ansatz unterbinden.Interessant ist dabei, wie sie das Enzym an den Ort des Geschehens bringen. In ihren Experimenten, die sie Ende Oktober 2004 auf dem Jahrestre. en der amerikanischen Society for Neuroscience in San Diego vorstellten, verpacken die Wissenschaftler den Wirkstoff in winzige Polymerkügelchen. Diese so genannten
Nanosphären setzen ihren Inhalt über einen bestimmten Zeitraum nach und nach frei. Daher muss man nur einmal solche Kügelchen ins lädierte Rückenmark spritzen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, denn jeder neue Eingriff birgt die Gefahr, die empfindlichen Nervenzellen weiter zu schädigen.
Stelzner erläutert einen zusätzlichen Pluspunkt: »In die Nanosphären lassen sich außer Chondroitinase ABC auch andere Wirkstoffe einpacken, die dann gemeinsam verabreicht werden. Wir können sie sogar zu unterschiedlichen Zeiten freisetzen lassen, etwa um erst körpereigenen Wachstumsinhibitoren entgegenzuwirken und dann das Nachwachsen des Rückenmarks zu fördern.« In der Petrischale hat das raffinierte Transportsystem seine Funktionsfähigkeit bereits unter Beweis gestellt. Derzeit laufen erste Versuche an gelähmten Ratten.
Ein weiteres Hilfsmittel, mit dem mittlerweile verschiedene Forschergruppen versuchen, den Rückenmarksneuronen einen Weg durch das feindselige Narbenterritorium zu bahnen, stammt aus der Nase und trägt den Namen »Olfactory Ensheading Cells« (OEC) - zu Deutsch olfaktorische Hüllzellen. Dass Neurone des Riechsystems generell eine Eigenschaft besitzen, die sie von anderen Nervenzellen unterscheidet, weiß die Wissenschaft schon sehr lange: Nehmen sie Schaden - beispielsweise durch ein Erkältungsvirus oder ein starkes Lösungsmittel -, regenerieren sie sich in Windeseile wieder. Dazu teilen sie sich und produzieren frische Ausläufer in die olfaktorischen Zentren des Gehirns, um jene neuronalen Verbindungen wieder zu knüpfen, die es zum Riechen braucht.
Bereits 1985 entdeckte Geoffrey Raisman vom National Institute of Medical Research in London, dass sich die neu sprießenden Nervenfasern an Zellen entlanghangeln, die es ausschließlich im olfaktorischen System gibt: den OECs. Es lag somit nahe zu probieren, ob die spezialisierten Hüllzellen vielleicht auch den Rückenmarksneuronen bei der Regeneration assistieren könnten. Raismans Team kultivierte OECs von Ratten in der Petrischale und transplantierte sie teilweise querschnittsgelähmten Tieren an die verletzte Stelle im Rückenmark. Ergebnis: Die abgeschnittenen Nervenfasern begannen tatsächlich wieder zu sprießen.
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