Medizin und Wissen

NEUROLOGIE | 01.05.2005
Bis ins Mark
Inhalt:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Überstürztes Vorgehen
Doch gerade den wichtigen Zwischenschritt der Versuche an A. en, denen Homo sapiens schließlich viel ähnlicher ist als einer Laborratte, lassen selbst renommierte Forscher gerne mal aus. So konnte die israelische Neuroimmunologin Michal Schwartz vom Weizman-Institut in Rehovot mit einer Impfung den Nervenzelluntergang bei rückenmarksverletzten Nagern stoppen. Flugs gründete sie die Firma Proneuron Biotechnologies und startete eine Studie an acht Patienten. Drei von diesen hätten nach der Therapie ihre Beine wieder gespürt, Gerüchte über schwere Nebenwirkungen wurden dementiert. »Ich halte das für unethisch, unseriös und verfrüht«, ereifert sich Martin Schwab, sonst eher ein Freund der leisen Töne. »Die nationalen Ethikkommissionen müssten solche Experimente verhindern!«
Dass es auch anders geht, beweist der schweizerische Wissenschaftler selbst. Im Anschluss an seine viel versprechenden Ergebnisse bei Ratten testete er seinen Nogo-Antikörper zunächst an Rhesusaffen. Ein tiefer Schnitt in die Wirbelsäule sorgte dafür, dass die Tiere halbseitig gelähmt waren und ihre eine Hand praktisch nicht mehr bewegen konnten. Doch durch die Behandlung gewannen sie binnen sieben Wochen wieder eine enorme Fingerfertigkeit zurück. »Sie öffnen Schubladen, sie picken präzise und rasch Rosinen heraus, sie greifen nach Nahrung - beinahe wie gesunde Affen«, berichtet Schwab zufrieden. Nebenwirkungen gab es keine, und deshalb wagen die Zürcher Forscher jetzt auch den großen Sprung: Der Nogo-Antikörper soll an querschnittsgelähmten Menschen getestet werden - in einer über mehrere Behandlungszentren verteilten Doppelblindstudie mit einer ausreichend großen Patientenzahl, damit andere Forscher die Ergebnisse auf jeden Fall nachvollziehen können. Denn genau hier liegt der Schwachpunkt mancher anderen Arbeiten, die sich teils großer Erfolge rühmen. Allerdings: Mit Wunderheilungen biblischen Ausmaßes rechnen die Schweizer nicht. Sie wären schon zufrieden, wenn sie beim Menschen die Hälfte dessen erreichten, was ihnen bei den Rhesusaffen gelang. »Um sehr wichtige Funktionen wie die der Blase, des Darms oder der Sexualorgane wieder herzustellen, genügt schon eine geringe Zahl intakter absteigender Nervenbahnen«, erklärt Schwab. Solche Teilerholungen seien ein durchaus realistisches Ziel. Doch dass sich die »Bombenexplosion im Rechenzentrum « wirklich vollständig reparieren lässt, schließt der Neurowissenschaftler selbst für die fernere Zukunft aus. Diese ungeschminkte Wahrheit bekommen auch all die Querschnittsgelähmten zu hören, deren Briefe und E-Mails in Schwabs Büro mittlerweile einige dicke Aktenordner füllen. Enttäuschung erntet er damit aber nur selten. »Die Patienten hoffen gar nicht auf ein Wundermittel; ihnen ist klar, dass es nicht so einfach funktioniert«, sinniert er. »Doch nachdem so lange völliger Stillstand herrschte, hilft den meisten schon das bloße Wissen, dass heute ernsthaft an Therapien gearbeitet wird. Was die konkrete Anwendung angeht, denken sie eher an die nächste Generation.«
Gesunder Realismus also. So mancher Forscher könnte sich davon eine Scheibe abschneiden, besonders auf dem Gebiet der Rückenmarksverletzungen. Denn: Optimistische Heilsversprechen gab es gerade hier schon viele. Erfüllt wurden sie bisher aber noch nie.
Ulrich Kraft, Mediziner und ständiger Gehirn&Geist-Mitarbeiter, lebt als freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.
Literaturtipps
Brösamle, C. et al.: Regeneration of Lesioned Corticospinal Tract Fibers in the Adult Rat Induced by a Recombinant, Humanized IN-1 Antibody Fragment. In: Journal of Neuroscience 20, 2000, S. 8061 - 8068.
Schwab, J. et al.: Rückenmarksverletzung: Experimentelle Strategien als Basis zukünftiger Behandlungen. In: Deutsches Ärzteblatt 101(20), 2004, S. 1422 - 1434.
Wickelgren, I.: Animal Studies Raise Hopes for Spinal Cord Repair. In: Science 297, 2002, S. 178 - 181.
COPYRIGHT:
http://www.wissenschaft-online.de
Artikel empfehlen
Artikel als PDF
Druckansicht

