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Medizin und Wissen

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INTERVIEW | 29.01.2007

Weglaufen geht nicht

 

Susanne Korf hatte 25 Jahre lang ein ganz normales Leben geführt. Sie stand kurz vor dem Examen und wollte Lehrerin für Deutsch und Religion werden.

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Sie war sehr engagiert in der evangelischen Jugendarbeit und leitete dort Freizeiten. Als leidenschaftliche Musikerin spielte sie Gitarre und sang.

 

Im Mai 2000 landete sie mit ihrem Auto an einem Baum. Dabei erlitt sie eine Querschnittlähmung und ein Schädelhirntrauma. Anfangs musste sie beatmet werden, konnte nichts bewegen. Lange Zeit stand nicht fest, ob ihr Gehirn bleibende Schäden zurückbehalten würde. Durch die Behandlung in der Werner Wicker Klinik lernte sie wieder eigenständig zu atmen. Durch neuropsychologisches Training konnte das Schädelhirntrauma folgenlos geheilt werden. Geblieben ist eine Tetraplegie = (Teil-)Lähmung aller 4 Gliedmaßen. Frau Korf ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Nur ihren rechten Arm kann sie gut einsetzen. Bei der Körperpflege und beim Anziehen ist sie auf vollständige Hilfe angewiesen. Essen muss ihr zubereitet werden. Frau Korf hat mittlerweile ihren Studiengang gewechselt und wird nächstes Jahr den Abschluss Diplom-Pädagogin erhalten. Sie setzt sich engagiert mit eigenen Artikeln für Respekt gegenüber behinderten Menschen ein. Nach 5 Jahren ist sie das erste Mal wieder in der Werner Wicker Klinik zum Auftrainieren. Hier führte Diplom-Psychologe Jörg Eisenhuth folgendes Interview mit ihr.

 

Eisenhuth: Frau Korf, was haben Sie als größte Hilfe erlebt in der Zeit nach Ihrem Unfall?
Korf: Was mir in erster Linie Rückhalt gegeben hat, war meine Familie. Die Schlüsselsituation war mit meiner Mutter. Das war noch auf der Intensivstation. Da habe ich meiner Mutter gesagt, wenn das jetzt immer so bleibt, weiß ich gar nicht, ob ich damit leben will. Dann hat mich meine Mutter angeguckt und nur gesagt: Das ist egal, wie du jetzt bist, ob du noch laufen kannst oder nicht. Aber du bist da. Dass du da bist, ist uns viel wichtiger als wie du jetzt durchs Leben kommst. Das ist immer noch besser, als wenn du beim Unfall gestorben wärst. Wir haben dich so lieb, wie du jetzt bist.
Das war für mich eine so wichtige Aussage, dass ich danach nie mehr gefragt habe, wie ich damit klar kommen soll. Oder dass ich daran zerbrochen wäre, dass ich nun im Rollstuhl sitzen werde.
Das andere war, als mir mein Vater den Zeitungsartikel mit einem Foto von meinem Unfallauto entgegengehalten hat mit dem Satz: Da haben deine Schutzengel ganz schön Überstunden gemacht, dass du da wieder lebend rausgekommen bist. Das war das erste Mal, dass mein Vater von Schutzengeln geredet hat. Überhaupt irgendwas Religiöses erzählt hat, was mir ja immer besonders wichtig war. Dann dachte ich mir halt, wenn mein Vater das so sieht, dann muss da was dran sein. Und von daher war für mich klar: Wenn du aus so einem Wrack rausgekommen bist, dann sollst du hier noch irgendwas beschicken, was auch immer?

 
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Eisenhuth: Das bedeutet, es hat noch einen Sinn, dass Sie das überlebt haben?
Korf: Es ist dadurch sogar noch unterstrichen worden. Es ist nicht egal, ob du hier bist, sondern es hat schon einen Sinn.

Eisenhuth: Haben sich denn Ihre Beziehungen durch den Unfall verändert?
Korf: Ja, das würde ich sagen, ist eine der größten Veränderungen. Leute, die mit mir weiterhin zu tun haben wollen, müssen damit klar kommen, dass nicht ich diejenige bin, die sie besuchen kommt, sondern dass sie es sind, die mich besuchen kommen müssen. Ganz einfach deswegen, weil in meinem gesamten Freundeskreis gibt es nämlich nur ein oder zwei Leute, wo ich überhaupt die Möglichkeit habe reinzukommen. Ich weiß nicht, ob ich weniger Beziehungen habe. Meinen 30. Geburtstag habe ich jetzt mit über 60 Leuten gefeiert. Aber es sind nur wenige, wo ich weiß, da kann ich anrufen, wenn es mir mal schlecht geht.

Eisenhuth: Was war Ihnen noch wichtig in der ersten Zeit?
Korf: Hier in der Klinik Kontakte zu haben. Ein Beziehungsgeflecht aufzubauen. Zum einen Krankengymnasten, Ergotherapeuten. Dann aber auch Pastor George als jemand, bei dem ich gerne war und was mir sehr wichtig war. Das war auch jetzt bei diesem Aufenthalt sehr schön, auf bekannte Leute zu treffen. Wo selbst diese Klinik beinahe zu einem Ort wird, an dem man nach Hause kommt. Wo Menschen sind, von denen man wiedererkannt wird. Das ist mir sehr wichtig, weil ich auf einer Beziehungsebene funktioniere. Wenn das mal nicht hinhaut auf der Beziehungsebene wie mal mit einer Mitpatientin, wird es schwierig. Das war früher schon so und ist auch so geblieben....Das heißt nein, das hat sich sogar durch den Unfall verstärkt. Früher hätte ich mich umgedreht und wäre weggegangen. Jetzt bin ich ja nicht mehr so flexibel und kann nicht einfach weglaufen und muss die Situationen ganz anders aushalten. Man wächst zwar daran, aber leider ist es manchmal ein sehr langsames Wachsen.

Eisenhuth: Was haben Sie als besonders erlebt beim Übergang vom Krankenhaus nach Hause?
Korf: Erst einmal war es schön, überhaupt wieder nach Hause zu kommen. Dann dabei zu sein, wie der Umbau zu Hause weiter voranschreitet. Mal wieder selbst bestimmen zu dürfen: Wie sollen meine Tapeten aussehen, endlich mal ein Dunkelblau bekommen. Die größte Schwierigkeit war, sich wieder einen eigenen Rhythmus zu erarbeiten. Den Tag so zu strukturieren, dass ich abends auch das Gefühl hatte, wenn du ins Bett gehst, dann hast du irgendwie was gemacht. Dann hast du nicht nur rumgedaddelt und irgendwie den Tag vorm Computer gesessen und halt eben gar nichts Konstruktives gemacht. Das hat aber auch ein Weilchen gedauert, wenn ich mich da recht erinnere. So eine Tagesstruktur zu bekommen, wo ich dann so im Rollstuhl sitze, dass ich die Zeit für mich nutzen kann und eben nicht darauf angewiesen bin, dass ich in der Zeit ständig Hilfe bekomme oder eben tatsächlich auf irgendwen warte oder so. Je besser das geklappt hat, desto besser gings mir dann auch. Das war wichtig.

 
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Eisenhuth: Wie waren denn die Kontakte zuhause am Anfang? Die Begegnung mit Leuten, die Sie dann das erste Mal gesehen haben?
Korf: Das kam drauf an. Also viele waren dann da, die mich hier in der Klinik halt schon irgendwie besucht hatten. Wie war das? Ich hab mich, glaub ich, relativ schnell daran gewöhnt, dass die natürlich erst mal gucken. Ich hab mir angewöhnt, dass, wenn mir diese Menschen aus welchem Grund auch immer am Herzen liegen, dann hab ich halt zugesehen, dass ich hinfahre und irgendwie Kontakt knüpfe, weil ja manchmal war die Hemmschwelle von den Leuten halt zu groß, um mal selber herzukommen. Na ja und es war hauptsächlich schon mal positiv, den Leuten entgegen zu treten. Natürlich sagten manche: Ach Susanne, wie geht´s dir denn, dir muss es doch unheimlich schlecht gehen. Wo ich dann immer sagen konnte: Nee, eigentlich nicht, warum? Weil ich ja immer so das Gefühl hatte, von wegen wie mein Auto ausgesehen hat, verdammte Kiste, dafür geht´s mir fantastisch. Ich konnte es immer überhaupt nicht haben, wenn man mir da zu mitleidig begegnet. Natürlich kann ich das nachvollziehen. Spätestens wenn ich mich dann mal mit Leuten unterhalten habe, erwarte ich, dass die ihr Mitleidsgefühl so ein bisschen zurückstellen.
Besonders im Supermarkt ist es immer sehr schön, wenn man da lang fährt und auf einmal steht ein Kind neben einem. Ein kleiner Junge, der guckte dann, guckte sich meine Steuerung an, ging einmal um meinen Rolli drumrum, guckte sich die Lichter an, guckte sich links die Lichter an, guckte mich an und meinte: Wie schnell fährt der denn? Also da kann man schon wirklich Sachen erleben, die sind einfach schön, sind wirklich schön. Wo dann meist die Eltern dahinter stehen und sagen, lass mal die Rollstuhlfahrerin in Ruhe, so was fragt man nicht. Aber ich liebe solche Begegnungen, das ist toll. Doch, so was mag ich.

Eisenhuth: Was sind die größten Unterschiede, wenn Sie vor dem Unfall und nach dem Unfall miteinander vergleichen?
Korf: Dass ich nicht mehr Gitarre spielen kann. Und dass ich keine Freizeit mehr machen kann, das ist schade.

Eisenhuth: Was meinen Sie mit Freizeit?
Korf: Ich war vorher in der Jugendarbeit recht aktiv und ich fand es immer fürchterlich, wenn andere Leute Freizeiten geleitet haben. Ich hab das lieber selber gemacht und ich kann mich an eine Freizeit erinnern, 1998, die hab ich mit 3 oder 4 anderen Jugendlichen zusammen geleitet. Nach meinem Unfall hab ich ein paar Jugendliche getroffen, die auch auf der Freizeit mit waren. Die haben mir dann vorgeschwärmt, wie toll ich da gekocht hätte. Da musste ich mich erst mal zurückerinnern. Wie? Gekocht. Stimmt. Ich habe ja gekocht und das ist dann schon ganz witzig, wenn einem 3 - 4 Jahre später Jugendliche noch sagen können, was man da am letzten Tag für eine Suppe gekocht hat. Das hat mich schwer beeindruckt und das spricht dafür, wie gern ich so was eben halt auch gemacht habe und jetzt zu sehen, so was nicht mehr zu können. Leider, das ist schade. Also, das fehlt mir dann doch, wo mir jetzt erst klar ist, wie viel ich halt vorher dann selbstständig gemacht habe bzw. schlicht alleine organisieren konnte. Materialien besorgen, sich um dieses und jenes kümmern oder halt einfach mal schlicht einkaufen. Das sind so Sachen, die kann ich jetzt nicht mehr bzw. bräuchte dabei Hilfe, dass es jemand macht oder zumindest jemand, der mich dann fährt und das sind dann alles so Gründe, weswegen ich dann auch gesagt habe, na ja so Jugendarbeit, damit ist dann auch gut. Ein bisschen schade. Ich muss mir schon überlegen, was will ich machen, was schaff ich, wie organisier ich das. Gut und dadurch dass das Studium dann kam, dann konnte ich auch locker sagen: Das Studium nimmt mich so in Anspruch und fordert mich so, dass da auch kaum noch Raum ist für andere Sachen. Von daher fehlen mir die anderen Sachen dann auch nicht so.

Eisenhuth: Insgesamt bedeutet Ihr Leben jetzt sehr viel Organisation? Sie müssen heute an sehr viel mehr denken?
Korf: Selbst wenn ich ins Kino will, muss ich halt wissen, ob einer von meinen Fahrern da ist. Gut, ich hab den Vorteil, dass wir zuhause einen Bully haben, mit dem ich dann auch gefahren werden kann. Das ist ja schon mal besser, als wenn ich da immer noch auf einen Fahrdienst angewiesen wäre, aber auch in meiner Familie hat ja nicht immer irgendwer Zeit, nur für mich was zu machen.
Uni geht genauso gut wie vorher. Dank meines Vaters, der mich morgendlich hinfährt. Die Stunden, die es dauert, dann wartet, sich inzwischen mit dem Hausmeister gut angefreundet hat, aber es ansonsten genießt.

Eisenhuth: Was würden Sie darunter verstehen, wenn man Sie fragt, ob Sie die Querschnittlähmung verarbeitet haben ?
Korf: Ich würde sagen: Ja, schon. Einer meiner großen Vorteile ist, dass ich sehr viel reflektiere. Es ist mir noch nie schwer gefallen, das was ich tue oder mein Umfeld, na ja mein Leben zu reflektieren. Hab das immer gerne getan und hab sozusagen daran angeknüpft. Das war keine Fähigkeit, die ich nach dem Unfall neu erlernen musste. Klar, der Unfall ist als neuer Bezugspunkt dazugekommen, den ich damit einbeziehen muss ins Denken. Aber ansonsten kann ich das zum Glück. Was mir wahnsinnig geholfen hat beim Verarbeiten, war der Artikel. Irgendwo meine ersten Eindrücke als Behinderte zu schildern. Das hat mir nicht nur selber geholfen, sondern die Möglichkeit, dass dieser Artikel veröffentlich wurde, meine Adresse und E-Mail steht ja darunter, dass ich da dann auch Rückantwort drauf bekommen habe, Feedback. Das war eigentlich das Allergrandioseste. Ich hab festgestellt, dass es eine gute Möglichkeit ist, Hemmungen abzubauen oder meinen Abstand abzubauen. Dann ist das immer ein guter Einstieg, mit dem man einfach ins Gespräch kommen kann, um eben nicht nur einfach als Behinderte betrachtet zu werden, sondern mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, wie man halt trotz Behinderung drauf ist, wie man damit klar kommt, um von diesem Gespräch über Behinderung dann wegzukommen und auf eine Beziehungsebene zu kommen, wo es halt wieder völlig normal wird, miteinander umzugehen.

von Jörg Eisenhuth, Diplom-Psychologe in der Werner Wicker Klinik. Kontakt: eisenhuth@werner-wicker-klinik.de

Über eine Rückmeldung freut sich:
Susanne Korf
Seggebrucher Holz 18
31691 Seggebruch
susanne@seggebruch.de

 

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