Sexualität

SEXUALITÄT | 28.11.2005
Das „erste Mal“ – wenn Neugier und Lust das Zögern besiegen.
Damit Deinem »ersten Mal« viele weitere folgen, solltest Du für möglichst günstige Bedingungen sorgen. Folgendes erscheint mir dabei besonders wichtig:
- Die eigenen Bedürfnisse nach Berührung, Zärtlichkeit usw. sehr gut kennenzulernen und zum Ausdruck bringen zu können ist unabhängig von der Lähmung wichtig auch zu wissen, was man/frau (noch) nicht will, kann oder dazu (jetzt) keine Lust hat und so rüberzubringen, daß der/die andere sich nicht als Person zurückgewiesen fühlt.
- Ohne Druck und Ziel (z.B. Orgasmus bei mir oder Partner) mit viel Zeit, ohne äußere Störungen (Handy, Eltern) gut vorbereitet (Blase und Darm leer - trotzdem für »Unfälle« vorsorgen), so sauber wohlriechend, geschminkt, frisiert und gekleidet, daß Du Dich absolut sicher und sexy fühlst.
- Eingehend vorher besprechen, wer was von wem erwartet, braucht, gerne hätte, aber wovor man/frau Angst, Scheu, Scham oder Ekel empfindet oder andere unangenehme Gefühle befürchtet.
- Auch hinterher besprechen was schön, erregend, angenehm oder unangenehm war, wie man/frau sich gefühlt hat bzw. jetzt fühlt, was man sich künftig lieber anders wünscht oder mal ausprobieren möchte, ob Befürchtungen sich bewahrheitet haben usw.
- Nicht »alles auf einmal« wollen, d.h. lieber in kleinen Schritten (z.B. Kuscheln, Küssen, nackt beieinanderliegen, sich gegenseitig erforschen, sich mitteilen, wo was sich wie anfühlt oder eben nicht gefühlt wird, sich gegenseitig anleiten wie/wo es sich besser oder erregender anfühlt) spielerisch experimentieren.
- Lieber sich öfter neu verabreden mit viel Zeit als hektisch übers »Ziel« (das eigene Wohlfühlen, das Genießen der erotischen Spannung) hinauszuschießen.
- Sich gegenseitig verwöhnen lernen, d.h. jeder auch mal nur Berührungen genießen für eine Weile, ohne gleich etwas »zurückgeben« zu müssen.
- Oft neigen Behinderte (aber auch »Unbehinderte« mit reduziertem Selbstwertgefühl) dazu, sexuell/partnerschaftlich besonders gut, fürsorglich oder entgegenkommend sein zu müssen ohne genauso selbstverständlich anzunehmen, was ihnen gut tut oder dafür zu sorgen, daß sie es bekommen.
- Geschlechtsverkehr erst in Betracht ziehen, wenn beide es uneingeschränkt wollen und für beide die wesentlichen Bedingungen erfüllt sind.
- Empfängnis- und Infektionsschutz nicht vergessen!
- Auch partnerunabhängig jede Gelegenheit nutzen, die sinnliche Wahrnehmung (z.B. Sonne, Wasser, Temperatur) zu steigern, Bedürfnisse auch nach nichtsexueller Berührung (z.B. Umarmung von Freunden/-innen, Verwandten) wahrzunehmen, zu äußern und durch möglichst präzise Wünsche und Anleitungen bestmöglich zu steuern (z.B. Haarwäsche, Körperpflege durch Helfer)
- Angeleitete Traumreise durch den Körper, auch ausgedehnte eigene Phantasien, die den gelähmten Körperteil einbeziehen, Tantraübungen u.ä. sind sicher geeignet, das von einigen Rollis beschriebene Phänomen »zu fühlen, wo man nichts fühlt« erfahrbar zu machen. Hier ist viel Geduld, ggf. erfahrene professionelle Anleitung oder psychologische Begleitung sicher hilfreich.
- Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen/Männern - nicht nur, aber auch im Rolli - kann hilfreich sein, wenn man nicht kopiert, sondern trotzdem seinen eigenen Weg - im eigenen Tempo! - geht. Es gibt mit 15 keinen Grund zur Eile, auch nicht mit 50.
- Im ASbH, einer Selbsthilfegruppe für Spina bifida-Betroffene, gibt es ein reiches Angebot an Workshops, Erfahrungsaustausch und Infos, auch zum Thema Sexualität, auch ein Aufklärungsbüchlein mit dem Titel »Partnerschaft und Sexualität«, das speziell für Jugendliche verfaßt wurde.
- Unter
http://www.startrampe.de ,
http://www.wheel-life.de ,
http://www.wheel-it.de ,
http://www.behindertensexualitaet.de gibt es Expertentipps, Chats und Foren zum Thema und weitere Links-Tipps.
Dr. med. Harald Burgdörfer
Hamburg, im September 2002


