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REISE-HIGHLIGHT | 15.09.2006

Those who can do this, can do anything!

 

Reisebericht über den Sadlers Ultra Challenge in Alaska - das härteste und längste Handbike- und Rollstuhlrennen der Welt

Vergangenen Winter fasste ich den Entschluss, nach meinem Studium am Sadlers Ultra Challenge teilzunehmen. Die Veranstalter übertreiben nicht, wenn sie den Ultra Challenge als "Race of Lifetime" bezeichnen. Von allen Kontinenten kommen Teilnehmer zu diesem angeblich härtesten und längsten Handbike- und Rollstuhlrennen der Welt (276 Miles, 426km) von Fairbanks nach Anchorage.

 
Ultra Challenge

Lange Anstiege, Gegenwind, das Wetter und auch die Straßen- bzw. Asphaltqualität verlangen Sportlern und Material eine Menge ab. Mit meiner diesjährigen Teilnahme habe ich etwas besonderes geschafft: Ich war die erste Europäerin am Start. Die Teilnahme am Sadlers Ultra Challenge war für mich überwiegend und mit allem drum und dran eine Mutprobe, die zu bestehen mir jetzt jede Menge neue Power gibt.

 

Warum ausgerechnet Alaska?

Alaska-Landschaft

Diese Frage bekam ich in letzter Zeit häufig gestellt, und ich habe sie mir auch schon oft selbst gestellt. Nach wie vor fällt es mir schwer, eine alles umfassende, passende Antwort zu formulieren. Eines weiß ich jedoch: ich bin froh es gemacht zu haben! Das Land, die Bewohner, die Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer, das Klima, das Rennen und die Teilnehmer- alles zusammen war/ist eine großartige Erfahrung.

Am Abflugtag in Frankfurt war ich als Rollstuhlfahrerin ohne Begleitung noch das »seltene Tier« und wurde auf dem Flughafen mehrmals auf den Hilfsservice für Behinderte hingewiesen. Da aber Bike und Gepäck schon aufgegeben war, habe ich darauf verzichtet. Bei der Ankunft zwei Wochen später brauchte ich die Hilfe und hatte etwas Mühe, die Helferin bei mir zu behalten, bis ich all mein Gepäck bei mir hatte. So verschieden können die Erfahrungen auf einem Flughafen sein. Insgesamt hat aber beides gut geklappt und der Service an sich ist genau das: ein Service und lobenswert.

Beim Anflug auf Anchorage wurde beim Blick aus dem Flugzeug schon deutlich, was ich vorher nur gelesen hatte. Alaska ist sehr groß und hat faszinierend viel »Weite«. Es ist so, wie ich es zu einem späteren Zeitpunkt auf einer Postkarte las: In Alaska ist alles ein bisschen größer. Bei der Vorstellung, diese Straßen bald mit dem Bike zu befahren, schlich sich bei mir ein mulmiges Gefühl ein. Im Rennen waren die Straßen dann oft tatsächlich genauso endlos, wie sie auch von oben aussahen. In Alaska ist der Sadlers Ultra Challenge ein bekanntes Ereignis - viele Menschen sind über das Rennen informiert, und man wird oft angesprochen, ob man Teilnehmer ist. Überall trifft man auf Begeisterung und Hilfsbereitschaft. So hatte ich das Glück, gleich im Flughafen einen ehemaligen Volunteer des Rennens zu treffen, der mir anbot, mein Bike mit seinem Pick up in das Hotel zu fahren. Die erste Herausforderung, allein mit Bike zu fliegen und komplett im Hotel anzukommen, war bestanden!

 
Gletscher
Gletscher vom Boot aus fotografiert

Letztlich war es sehr gut, dass man sich so früh für die Teilnahme bewerben musste (aber auch Spätmelder bekommen oft noch einen Platz). Je näher der Termin kam, desto mehr verließ mich mein Mut und ich stellte mir selbst die eingangs bereits erwähnte Frage, die ich in den nächsten Tagen noch so oft gestellt bekommen sollte: »Warum?« Ein Tag vor meinem Abflug wurde das Streckenprofil ins Internet gestellt, und ich war wirklich entsetzt. Ich machte mir selbst Mut, dass es ja meistens nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Doch diesmal war das Streckenprofil genauso anspruchsvoll wie es aussah, zumindest für mich, die ich vor steilen Berganstiegen so viel Respekt habe.

 

Rollstuhltauglichkeit in Alaska

Das Rennen ist großartig organisiert. Jeder Racer bekommt ein Begleitfahrzeug und jeweils zwei Volunteers (Freiwillige), die ihn unterstützen und während des Rennens auf den öffentlichen Straßen und Highways von hinten mit dem Begleitfahrzeug schützen. Mit »meinen« beiden Frauen Wendy und Verena hatte ich echtes Glück, und wir sind schnell ein echtes Team gewesen! Die Strecken waren alle geteert, wobei man auf ein paar Schlaglöcher achten musste. Durch die gute Organisation des Rennens musste ich mich nicht um viel kümmern und konnte Alaska nicht besonders auf seine Barrierefreiheit testen. Hier einige Anmerkungen: Unsere Hotels waren alle gut rollstuhltauglich. Interessant wären sicher auch die Campingplätze gewesen, aber die hab ich nicht gesehen. Selbst in den kleinsten Ortschaften in Alaska gibt es Rampen, um in die Gebäude herein zu kommen. Dass auch Menschen im Rollstuhl auf ein Boot wollen, um an einer Gletschertour teilzunehmen oder andere Aktivitäten machen wollen, ist völlig normal und stellt niemanden vor größere Schwierigkeiten oder die in Deutschland so oft bekannten versicherungstechnischen Bedenken. Fast immer gibt es Rollstuhltoiletten, aber ganz oft auch die Version einer größeren Kabine mit Haltegriffen in den »normalen« Damen- und Herrentoiletten. Und auch wenn es merkwürdig ist dies zu erwähnen, die Mehrheit der LeserInnen hier versteht hoffentlich was ich meine und warum ich es erwähne: Es war schön, mit den Erfahrungen der ersten Tage und der vergeblichen Suche nach der Rollstuhltoilette voller Zuversicht in die Damentoilette zu gelangen und dort dann tatsächlich die Toilette nutzen zu können.

 

Das Rennen

Startaufstellung
Startaufstellung

Die ersten zwei Tage des Rennens waren, wie von den erfahrenen Teilnehmern bereits vorab angekündigt, die Schlimmsten. Am zweiten Tag schüttete es zusätzlich am Start wie aus Kübeln. Später regnete es nur noch, und wenn es zwischendurch aufhörte, hatten wir alle mit dem heftigsten Gegenwind zu kämpfen. Für mich waren es die härtesten Bedingungen, bei denen ich bisher gefahren bin. Die ganze Zeit fragte ich mich, wie andere Teilnehmer eine solche Strapaze freiwillig ein zweites Mal oder gar noch öfter auf sich nehmen konnten? Als an diesem Tag das wohl zur Motivation aufgestellte Schild »10 Miles to finish« und später auch noch »1 Mile to finish!« auftauchte, war ich jeweils dem Aufgeben nahe, weil ich mich dem Ziel viel näher hoffte. Außerdem war ich (wie so oft) an beiden Tagen am Start zu langsam, sodass ich zwar ein paar Männer einholte (und überholte!), aber hauptsächlich alleine fuhr. Dies änderte sich glücklicherweise in den nächsten Tagen. Gerade auf diesen langen Straßen in Alaska und auch mit dem Gegenwind ist das Fahren in einer Gruppe im Vergleich zum allein fahren ein riesiger Vorteil.

 
Katja gibt alles
Bald ist es geschafft!
 
Allein auf weiter Flur
Allein auf weiter Flur

Am vierten Tag bin ich in einer Dreier-Gruppe mit der späteren Zweitplazierten Cheri Blauwet gefahren, die mir an diesem Tag nicht davon fahren konnte und das tat meinem »Handbike-Ego« schon sehr gut. Insgesamt bin ich dritte der drei teilnehmenden Frauen geworden. Natürlich ist eine Platzierung und Erste/r sein sehr schön, aber darauf kommt es beim Sadlers Ultra Challenge nicht so stark an wie bei anderen Rennen. Das Dabeisein und Ankommen ist das wirklich Ausschlaggebende, und so wird auch noch der Letzte im Ziel von jedem (auch dem Ersten) verdientermaßen bejubelt. Aber die Gewinner verdienen natürlich besonders ihre Erwähnung: Bei den Frauen siegte Monica Bascio aus den USA, wie auch in den vier Jahren zuvor. Bei den Männern lag in der Gruppe C Alejandro Albor aus den USA ganz vorn und in der Gruppe B gewann Peer Bartels aus Deutschland zum zweiten Mal. Im Rennrollstuhl waren vier Teilnehmer am Start und Paul Nunnari aus Australien sicherte sich den ersten Platz.

 

Alaska

Alaska_Landschaft

Längst nicht ganz Alaska ist im ständigen Winter. Ich habe sogar die Sonnencreme gebraucht und 30° sind im Sommer keine Seltenheit. Alaska ist 1,7 Mio. km² groß. Gletscher sind in den Bergen Süd- und Südost-Alaskas zu bestaunen, die Eisbären leben in der Packeiszone der Polarmeerküste im Norden und dazwischen gibt es eine atemberaubend, vielfältige Landschaft. Im Sommer wird es in Alaska fast gar nicht dunkel. Um Mitternacht ist es immer noch taghell, was sich in der beeindruckenden Vegetation widerspiegelt.

Von den Tieren Alaskas habe ich auf einer Gletschertour ein paar Tage nach dem Rennen einen Wal gesehen, und auch ein paar Puffins (Papageitaucher) flogen um das Boot. Bei dieser Tour konnten wir vom sicheren Boot aus an Land einen (Schwarz-)Bären beobachten. An der Rennstrecke hatte einer der Volunteers ebenfalls einen Bären gesehen, und ab dann fuhr ein Begleitauto immer hupend die Straße auf und ab, damit es zu keiner Begegnung zwischen Bär und Racer kam. Zu einer weiteren Begegnung der Racer mit den Tieren Alaska kam es, als ein Elch die Straße kreuzte. Diese Begegnungen blieben aber alle ohne Auswirkungen. Ich traf einen kleinen Elch bei einer reinen Ausflugsfahrt ein paar Tage vor dem Start des Rennens direkt neben dem Weg. Als ich feststellte, dass der Elch scheinbar genauso neugierig auf mich war wie ich auf ihn, fuhr ich lieber ohne ein Foto zu machen zügig weiter. Sicher ist sicher. Die aggressivsten der Tiere in Alaska scheinen mir aber die Moskitos zu sein. Ohne Moskitoschutz fallen die Viecher gnadenlos über jeden her und ich habe deutlich gemerkt, wenn mein Sprühschutz nach ein paar Stunden nachließ.

Während der Renn-Woche wurde ich von einem Fernsehteam interviewt und bekam auch die Frage gestellt, ob ich nächstes Jahr wieder kommen würde. Mein »Vielleicht, ich werde es versuchen« war tatsächlich ehrlich gemeint! Das Rennen wurde nicht wesentlich einfacher nach dem zweiten Tag, aber inzwischen waren wir alle zu einer Gemeinschaft geworden und die Atmosphäre des Rennes ist nicht zu beschreiben. Trotz der Strapazen verstehe ich nun sehr gut, dass einige Teilnehmer (übrigens auch einige Volunteers) immer wieder kommen. Manche Dinge muss man erleben, um sie verstehen zu können!

 
Letzte Etappe Anchorage
Katja freut sich, die letzte Etappe erreicht zu haben
 
 

Autor: Katja Lüke

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