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CHAT DOKU | 25.04.2001
Neuromuskuläre Stimulation II
Expertin Fr. Dr. M. Pinter
Moderator:Herzlich willkommen zum heutigen Expertenchat. Das Diskussionsthema heute ist die elektrische Rückenmarkstimulation. Frau Dr. Pinter wird als Expertin Eure Fragen dazu beantworten.
Experte:Ich bin Neurologin mit Spezifikation in Restaurativer Neurologie, Neurophysiologie und Neuromodulation.
Frage:Wie wird das Rückenmark stimuliert, und was kann man damit bewirken? Hilft die Stimulation nur bei inkomplettem Querschnitt oder auch bei komplettem Querschnitt?
Experte:Eine Elektrode wird im Epiduralraum über dem unteren Teil des Rückenmarks gelegt und hilft gegen Spastizität sowohl bei komplettem als auch inkomplettem Querschnitt.
Moderator:Es ist dazu also ein chirurgischer Eingriff nötig?
Experte:Ja, es ist ein chirurgischer Eingriff notwendig. Stimuliert wird mittels eines implantierten Schrittmachers.
Frage:Gibt es Risiken bei der Operation? Infektionen, Materialunverträglichkeit, Fehlerquoten beim Stimulieren?
Experte:Infektionen treten gelegentlich auf, unter 2%. Materialunverträglichkeiten gibt es keine. Fehlerquoten beim Stimulieren gibt es immer dann, wenn die Elektrode nicht richtig platziert ist oder wenn die Stimulationsparameter, wie Frequenz und Intensität, nicht richtig adjustiert wurden. Möchten Sie mehr über Stimulationsparameter wissen?
Einwurf:Ja, bitte
Experte:Stimuliert wird in einem Range von 50-130 Hz und einer Stromstärke zwischen 2-8 Volt bei konstanter Impulsbreite.
Frage:Verstehe ich das richtig, es verbessert nicht eventuell noch vorhandene Beweglichkeit?
Experte:Bei vorhandener Gehfähigkeit wird die Ausdauer verbessert und die Länge der Wegstrecke.
Moderator:Muß der Patient bestimmte Voraussetzungen mitbringen, zum Beispiel Restfunktionen, die dann sozusagen durch die Behandlung angeregt werden?
Experte:Voraussetzungen sind Restfunktionen, Spastizität und neurogene Schmerzen.
Frage:Wie sieht es mit der Fehlerquote bei Veränderungen der Wirbelsäule aus, zum Beispiel Skoliose?
Experte:Skoliose ist prinzipiell keine Kontraindikation.
Frage:Besteht eine Behandlungsmöglichkeit auch bei Defekten des Liquorkanals wie zum Beispiel bei Spina Bifida?
Experte:Hier sind mir keine Studien bekannt, und ich persönlich habe damit auch keine Erfahrung.
Frage:Es muß wohl eine intakte Wirbelsubstanz vorhanden sein? Respektive darf nur eine Schädigung der Nervenbahnung vorhanden sein?
Experte:Die Wirbelkörper müssen intakt bzw. stabilisiert sein. Das Ausmaß der Rückenmarkschädigung spielt keine Rolle.
Frage:Nicht bei fehlenden Wirbelkörpern, die durch Implantate ersetzt wurden?
Experte:Auch bei fehlenden Wirbelkörpern, die durch Implantate ersetzt wurden.
Frage:Wie lange dauert durchschnittlich der Klinikaufenthalt bei dieser Implantation, und geht das nur bei Ihnen in Wien?
Experte:Erfahrung in der Kontrolle der Spastizität haben wir in Wien, aber auch in Houston Texas, bei Schmerzen Schmerzkliniken auch in Deutschland. Der Klinikaufenthalt liegt zwischen10-20 Tagen.
Frage:Wird durch die Stimulation die Spastizität ganz ausgeschaltet?
Experte:Die Spastizität wird bei optimaler Lage der Elektrode komplett unterdrückt. Sie kann jedoch bei Veränderung der Parameter in abgeschwächter Form wieder auftreten.
Frage:Kann man die Spastizität auch einfach nur abschwächen? Teilweise ist sie ja auch erwünscht, wenn auch in etwas abgeschwächter Form.
Experte:Der Patient kann je nach Bedürfnis die Kontrolle der Spastizität über einen Handprogrammer steuern. Also, je nach Bedarf auch nur abschwächen.
Frage:Wie erfolgreich ist die Stimulation bei der Schmerzbehandlung?
Experte:Bei guter Schmerzdifferenzierung und Sicherstellung, dass es sich um einen neurogenen Schmerz handelt, gut.
Frage:Was heisst Schmerzdifferenzierung?
Experte:Man unterscheidet zwischen neurogenen, nozizeptiven und zentralen Schmerzen. Nozizeptiv ist durch Muskeln etc. bedingt. Neurogen durch Schädigung der peripheren Nerven. Zentral durch Schädigung spezifischer Nervenbahnen vom Rückenmark in das Gehirn ziehend. Bei zentralen Schmerzen wird der Schmerz verstärkt. Bei nozizeptiven Schmerzen hilft die Rückenmarkstimulation nicht.
Frage:Wo kann man diese Schmerzdifferenzierung feststellen lassen? Wer kann mir sagen, um welchen Schmerz es sich handelt?
Experte:In jeder Schmerzambulanz kann man Sie beraten
Frage:Wenn die Diagnose aber aus Verzweiflung der Ärzte "psychogen" lautet?
Experte:Schmerz kann durch Streß etc. verstärkt erlebt werden. Einen psychogenen Schmerz gibt es aber nicht.
Frage:Wenn die Diagnosen austherapiert bzw. ohne weitere Behandlungsmöglichkeiten gestellt wird?
Experte:Es ist schwer zu beurteilen, ob Sie wirklich austherapiert sind. Sie können nach dem Chat persönlich Kontakt mit mir aufnehmen. Informationen finden Sie auch unter der unter
http://www.neuromodulation.at.
Moderator:Ist es von Bedeutung, ob der Querschnitt angeboren oder durch Unfall bzw. Krankheit entstanden ist?
Experte:Ja, es ist die Genese (Ursache) des Querschnittes von Bedeutung. Bei traumatischen Querschnitten wirkt es am besten. Bei vaskulären und entzündlichen sowie raumfordernden Prozessen nicht in allen Fällen.
Frage:Wie sieht es mit der Kostenübernahme durch die Krankenkassen aus?
Experte:In Österreich werden die Kosten prinzipiell vom Krankenhaus, welches ein eigenes Budget hat, getragen. Wie das in Deutschland ist, weiß ich nicht.
Moderator:Diese Frage sollte man also besser vorab mit seiner Krankenkasse klären.
Frage:Gibt es einen Unterschied für Tetraplegiker und Paraplegiker?
Experte:Prinzipiell nein. Es kommt auf die Verteilung der Spastizität an.
Frage:Was verstehen Sie unter "Verteilung der Spastizität"?
Experte:Bei einem Tetraplegiker muß man unter Umständen zwei Elektroden, eine im Halsbereich und eine im Lendenbereich, legen.
Frage:Kann es passieren, dass durch diese Behandlung angenehme Nebenerscheinungen, wie z. B. eine spastische Blase, beeinflusst werden?
Experte:Eventuell kann die spastische Blase günstig beeinflusst werden. Eine Vorhersage ist jedoch nicht möglich. Darum wird die Elektrode platziert und in der Testphase mit einem externen Stimulator stimuliert.
Frage:Gibt es eine Kontraindikation mit anderen Implantaten wie zum Beispiel einer Gasdruckpumpe gegen Spasmus oder einem Blasenstimulator?
Experte:Erst nach effektiver Testphase wird die Elektrode mit dem implantierten Schrittmacher verbunden.
Frage:Das passiert alles während dieser 10 bis 20 Tage Aufenthalt?
Experte:Ja.
Frage:Der Eingriff ist wohl sehr klein? Wie groß bzw. wie tief ist die Narbe?
Experte:Es gibt keine Kontraindikation bei anderen Implantaten. Der Eingriff selbst ist "klein" und unter Lokalanästesie. Die Narbe ist ca. 5 cm lang.
Frage:Welche Kliniken machen den Eingriff?
Experte:Wenn Sie wollen, komme ich Ihrer Frage via eMail nach.
Moderator:Spielt der Zeitpunkt für die Behandlung eine Rolle? Sollte der Querschnitt noch relativ "frisch" sein?
Experte:Der Eingriff wird frühestens 6 Monate nach dem Trauma gemacht. Bei Neuromuskulären Erkrankungen ist die Behandlung nicht indiziert.
Moderator:Ist die Behandlung auch dann möglich, wenn der Querschnitt beispielsweise vor zehn Jahren eingetreten ist?
Experte:Die Dauer des Querschnittes spielt keine Rolle. Jedoch nicht in den ersten sechs Monaten nach dem Akut-Ereignis.
Frage:Die Stimulation ist bei Streck- oder Beuge-Spastik möglich?
Experte:Sowohl Streck- als auch Beuge-Spasmen sind beeinflussbar.
Moderator:Wenn jemand bei Ihnen mit der Behandlung begonnen hat, kann er diese dann auch zu Hause fortsetzen?
Experte:Ja, er kann sie zu Hause weiterführen. Jährliche Kontrollen genügen, wenn alles passt.
Frage:Muß der Stimulator öfter neu eingestellt werden?
Experte:Dem Arzt bleibt es vorbehalten, einen Range in der Stromstärke und Frequenz vorzugeben, in welcher sich der Patient bewegen kann.
Moderator:Wie oft am Tag bzw. in der Woche muß man stimulieren?
Experte:Nach Bedarf Tag und Nacht oder nur tagsüber oder nur stundenweise.
Frage:Nach Bedarf?
Experte:Individuell, nach den Bedürfnissen des Patienten. Umgestellt wird der Stimulator vom Patienten selbst über einen Handprogrammierer, da beim Liegen weniger Volt notwendig sind als beim Sitzen oder Stehen.
Frage:Wird die Stimulation nur bei Schmerzen eingesetzt oder auch versucht, sie für regenerative Zwecke zu nutzen?
Experte:Eingesetzt wird die Stimulation bei Schmerzen und Spastizität. Verhindert wird durch den dauernden Reiz ein Verkümmern des Rückenmarks unterhalb der Verletzungsstelle.
Frage:Kann man die Elektrode auch einfach wieder entfernen lassen?
Experte:Der Stimulator kann jederzeit mit der Elektrode wieder entfernt werden.
Frage:Wie lange nach dem Unfall kann der Stimulator eingesetzt werden, um ein Verkümmern zu verhindern?
Experte:Frühestens 6 Monate nach dem Unfall.
Frage:Spätestens?
Experte:Unbegrenzt, zehn, zwanzig Jahre.
Frage:Wann fängt das Rückenmark an zu verkümmern? Kann es durch die Stimulation wieder aufgebaut werden?
Experte:Das kann ich nicht wirklich sagen. Wichtig ist, dass durch die Verletzung fehlende Reize simuliert werden, wie z. B. stehen, durchbewegen, stimulieren mit elektrischem Strom, bürsten etc. Es kann nicht aufgebaut werden, aber es ist durchaus möglich, dass Restfunktionen aktiviert werden.
Frage:Also würde Krankengymnastik auf jeden Fall unterstützen?
Experte:Die Stimulation ersetzt nicht die Krankengymnastik.
Frage:Der verkümmerte Status würde erhalten bleiben?
Experte:Ja, der erreichte Status bleibt erhalten. Das Rückenmark zu erhalten ist notwendig für zukünftige Interventionen.
Frage:Warum wird dies nicht durch Nervenumleitung erreicht? Es wird doch experimentiert, dass Nerven umgeleitet werden, um Muskeln zu reaktivieren.
Experte:Das sind periphere Nerven und nicht Stränge des Rückenmarks.
Frage:Verkümmern die peripheren Stränge auch?
Experte:Die peripheren Nerven verkümmern bei Verletzung des Rückenmarks nicht.
Moderator:Ich möchte mich bei den Teilnehmern und besonders bei Frau Dr. Pinter bedanken, die ihre Zeit geopfert hat, um unsere Fragen zu beantworten.
Experte:Weitere Fragen können gerne per eMail geklärt werden. mtspim@mts.magwien.gv.at.


