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CHAT DOKU | 02.08.2000
Freizeittherapie
Experte Frank Ladwig
Frage: Was hat Dich dazu bewogen, den Beruf des Freizeittherapeuten auszuüben?
Experte: Ich habe einige Freunde und Familienangehörige im Rollstuhl, mit denen ich privat Reisen unternommen und Kulturveranstaltungen besucht habe. So habe ich gemerkt, dass dies "unterentwickelte" Bereiche sind.
Frage: Ist "Freizeittherapeut" überhaupt ein Beruf?
Experte: Das ist keine Berufsgruppe, sondern eher eine Tätigkeit, die es in Deutschland noch weiter zu entwickeln gilt.
Frage: Was tust Du konkret?
Experte: Patienten am Bett besuchen, ermutigen, Ausfahrten organisieren, kreatives Arbeiten anbieten, Lernimpulse geben und Kontakte herstellen sowie auch Berufsgespräche führen.
Frage: Was ist unter "kreativem Arbeiten" zu verstehen? Malen etc.?
Experte: Natürlich Malen, auch am PC, Fensterbilder kreieren, aber auch Geschichten schreiben oder rollstuhlgerechte Spiele erfinden.
Frage: Wie kann ich meinen Arbeitsplatz kreativer einrichten?
Experte: Es gibt ein Hilfsgerät mit dem Namen "Lucy".
Frage: Was ist Lucy genau?
Experte: Die holländische Lucy ist ein lesergesteuertes Tastaturgerät, welches für Hochgelähmte entwickelt worden und sogar als Hilfsmittel zugelassen ist. War auch auf den Multimediatagen in Hamburg zu sehen. PCs einrichten bedeutet für mich Kreativität z.B. mit Spielen oder interessanter Software wie z.B. Data Becker Astronomie oder Naturwissenschaften, je nach Interesse der Patienten.
Frage: Wieviel Interesse hast Du damit geweckt?
Experte: Die enggesteckten Therapieabläufe in der Klinik erlauben es mir nicht, lange Zeit intensiv mit den Patienten zu arbeiten.
Frage: Und trotzdem, wieviele sind's bis jetzt?
Experte: Zwei Patienten und ein Ehemaliger, der noch auf dem Gelände wohnt.
Frage: Gibt es ein spezielles Studium für den Freizeittherapeuten?
Experte: Die Fachhochschule Bremen versucht, Freizeitpädagogen mit dem Schwerpunkt Kurwesen auszubilden. Dieses Projekt besteht seit zwei Jahren.
Frage: Wie ist das Ergebnis bisher?
Experte: Viele Studenten verstehen nur sehr eingeschränkt etwas unter Freizeittherapie. Sie denken zunächst nur an Sport, nur an Spiele, nur an Spaß und sind dann erschrocken über die Arbeitsabläufe, Vorarbeiten sowie die nötigen psychologischen und sozialdienstlichen Zusatzkenntnisse.
Frage: Ich hab so mein Problem mit dem Wort "Therapie". Kann man Freizeit "therapieren"?
Experte: Ich heile nicht die Freizeit der Patienten im Sinne von Therapie, sondern ich animiere, erwecke, motiviere und unterstütze in Freizeitbelangen.
Frage: Ist nicht das Problem, dass, wenn die Leute wieder zu Hause sind, kein Freizeittherapeut mehr da ist?
Experte: Das Problem ist mir sehr bewusst, aber ich weiß von einigen Freizeitclubs, teils gemischt, teils von Rollstuhlfahrern initiiert. Die Bundesregierung entwickelt gerade ein neues Berufsbild des Sozialtherapeuten, das hoffentlich bald Abhilfe schafft. Ich selbst habe vor, eine eigene Praxis für Freizeittherapie zu gründen.
Frage: Und wer soll Deine Arbeit bezahlen?
Experte: Als zukünftiger Beruf "Sozialtherapeut" wird es dann über Ämter und Kassen abzurechnen sein.
Frage: Für Hochgelähmte gibt es doch eigentlich nichts: Keine Ausbildung, keine Jobs... Was hast Du für Ideen?
Experte: Zunächst einmal Hobbys aktivieren und auch Computerarbeiten (es gibt eine Firma in Bremen, die nur Rollstuhlfahrer einstellt.)
Frage: Wo in Bremen?
Experte: Es gibt eine Computerfirma, ich muss jedoch noch weiter in älteren Zeitschriften fahnden, wo die genau ist. Ausserdem gibt es eine Brauerei in Ohlsberg. Träger ist die katholische Kölner Josefsgesellschaft. Dieses soll die erste "Behindertenfirma" sein, die Teil des allgemeinen Marktes ist. Die behinderten Auszubildenden und Angestellten erhalten Tariflöhne.
Frage: Besteht als Freizeitanimateur nicht die Möglichkeit, Leute zu beschäftigen anstatt zu unterhalten?
Experte: Ich versichere, meine Patienten mit wichtigen Dingen zu beschäftigen, wie z.B. Spanisch lernen.
Frage: Gibt's irgendwo Unterlagen über den Sozialtherapeuten?
Experte: Am besten beim Ministerium für Familie, Jugend und Gesundheit anfragen.


