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CHATDOKU | 15.11.2006

Querschnittlähmung und Autofahren

 

Experte Dr. Robert Flieger

Expertenchat zum Thema "Querschnittlähmung und Autofahren" am 15.11.2006, mit dem Experten Dr. Robert Flieger, Oberarzt am Zentrum für Rückenmarkverletzte der Werner-Wicker-Klinik Bad Wildungen

Moderator: Hallo und herzlich willkommen zum Expertenchat
"Querschnittlähmung und Autofahren" mit Dr. Robert Flieger, Oberarzt an der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen-Reinhardshausen.
Heutige Themen sind Fahrerlaubnis, Kfz-Umbau, Kostenträger und natürlich Eure Fragen zu den Themen. Doch zunächst, Herr Dr. Flieger, bitte stellen Sie sich kurz unseren Usern vor.
Experte: Ich heiße Robert Flieger und bin Oberarzt am Zentrum für Rückenmarkverletzte der Werner-Wicker-Klinik Bad Wildungen. In dieser Funktion erstelle ich die Gutachten für Rollstuhlfahrer, die Autofahren möchten. In Wildungen bin ich seit zehneinhalb Jahren. Die Gutachten mache ich seit dem Jahr 2000. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder.

Frage: Wie alt sind Sie, Herr Dr. Flieger?
Experte: Ich bin 51 Jahre alt.

Frage: Gesetzeslage, was heißt das in diesem Zusammenhang genau?
Experte: Das bedeutet, dass jeder "Fahrerlaubnisbewerber" bei Zweifeln an seiner Kraftfahreignung die Nachweise erbringen muss, dass er noch fahren kann. Der Betroffene muss also auf Aufforderung der Behörde ein Gutachten beibringen, dass und unter welchen Vorrausetzungen er fahren kann.

Moderator: Physisch und oder psychisch?
Experte: Beides: Wenn Zweifel in psychischer Hinsicht bestehen, muss auch ein psychologisches Gutachten beigebracht werden, zum Beispiel eine MPU (=medizinisch-psychologische Untersuchung) bei Alkoholproblemen. Solche Gutachten dürfen Ärzte machen, die einen speziellen Lehrgang dazu absolviert haben und jeweils nur für ihr jeweiliges Fachgebiet. Ich als Chirurg darf Gutachten machen über Menschen mit Funktionseinschränkungen am Bewegungssystem.

Moderator: Alkohol ist klar, aber wie ist das mit den Voraussetzungen für Rollstuhlfahrer?
Experte: Ein Rollstuhlfahrer mit Querschnittlähmung hat eine Einschränkung am Bewegungssystem, zum Beispiel Paraplegie - diese Fälle darf ich beurteilen.

Frage: Darf die Führerscheinstelle bei einer neuromuskulären Erkrankung eine MPU verlangen?
Experte: Bei einer neuromuskulären Erkrankung kann ich das machen, wenn sich die Auswirkungen auf das Bewegungssystem beschränken. Was ich nicht darf, ist die Begutachtung von Schädel-Hirn-Trauma-Folgen, Schlaganfällen und so weiter, wo auch Auswirkungen auf die Hirnfunktion selbst bestehen können. Aufmerksamkeit, Konzentration und so weiter - das ist nicht meine Baustelle als Gutachter.

Frage: Also beurteilen Sie auch neuromuskuläre Erkrankungen oder fällt dies in einen anderen Zuständigkeitsbereich?
Experte: Rein muskulär müsste ich dies eigentlich machen können, das käme auf den Einzelfall an.

Moderator: Ist die Läsionshöhe entscheidend für den Erwerb der Fahrerlaubnis?
Experte: Die Läsionshöhe ist entscheidend für die Auflagen bzw. Beschränkung, die mit der Fahrerlaubnis verbunden sind. Etwas Funktion in den Armen sollte schon dabei sein. Mit C4 oder höher geht sicher nichts. Das Auto mit Kinnsteuerung gibt es noch nicht.

Frage: Was müsste ich tun bei Funktionslosigkeit der Arme, aber die Beine funktionieren noch??
Experte: Ohne Funktion in den Armen und Beinen geht nichts. Mit den Beinen allein kann man aber noch umrüsten z. B. mit dem "system franz".

Frage: Ich brauche also ein technisches und ein medizinisches Gutachten. Wo bekomme ich die?
Experte: Man braucht erst ein medizinisches Gutachten. Das sagt: Er oder sie kann fahren, aber es bestehen Einschränkungen, die man kompensieren kann. Mit dem medizinischen Gutachten kann die Führerscheinstelle dann ein technisches Gutachten veranlassen (beim TÜV oder ähnlichen Institutionen). Dann wird eine Fahrprobe gemacht mit den technischen Hilfen, die der Betroffene braucht. Diese werden dann als Eintrag im Führerschein vorgegeben.

Frage: Wenn jemand eine Querschnittlähmung erleidet, ist der Führerschein dann weg?
Experte: Durch Querschnittlähmung entsteht im Amtsdeutsch ein so genanntes "Eignungsbedenken", das dann durch das Gutachten ausgeräumt werden muss.

Moderator: Kann die Polizei bei einer Kontrolle erkennen, was geht und was nicht?
Experte: Die Polizei ist berechtigt, sich im Zweifel dies vorführen zu lassen. In den "Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung" ist genau angegeben, was bei welcher "Bewegungsbehinderung" gehen darf und was nicht. Also kein Moped mit Kinnsteuerung!

Moderator: Was kostet das Gutachten?
Experte: Das Gutachten auf rein chirurgischem oder orthopädischem Gebiet für einen Rollstuhlfahrer kostet knapp 300 Euro. Das technische Gutachten kostet vielleicht noch mal das Gleiche.

Frage: Bekommt man die Gutachten bezahlt?
Experte: Wenn man durch Fremdverschulden in diese Situation gekommen ist, dann zahlt es der Unfallgegner bzw. dessen Haftpflichtversicherung. Wenn man einen Arbeitsunfall hatte, zahlt es die Berufsgenossenschaft im Rahmen der beruflichen Wiedereingliederung. Vom Arbeitsamt kann es eventuell etwas geben, wenn die erfolgreiche Wiedereingliederung in dem Erwerbsprozess davon abhängt. Wenn man von Geburt an querschnittgelähmt ist, fallen zu den normalen Führerscheinkosten noch die Gutachten an. Bei einem Schulunfall werden die Kosten für Schüler und Studenten durch die Unfallkasse bzw. Gemeindeunfallversicherung übernommen wie beim Arbeitsunfall durch die Berufsgenossenschaft.

Frage: Also, Kostenübernahme nur für "richtige" Arbeitnehmer?
Experte: Es kommt auf die Ursache an. Bei angeborenen, selbst verschuldeten oder krankheitsbedingten Querschnittlähmungen hat man die Kosten erst einmal selbst zu tragen.

Frage: In eineinhalb Jahren mache ich eine Ausbildung. Der Fahrdienst für 60 Kilometer hin und zurück ist viel teuerer als Führerschein und Auto. Ist das ein Argument?
Experte: Da wäre eventuell das Arbeitsamt zu fragen.

Frage: Beim Arbeitsamt war ich schon einmal. Damals hieß es, dass ein technisches Gutachten notwendig ist und ein Gutachten für die Führerscheinstelle.
Experte: Beide Gutachten sind notwendig, erst das ärztliche, dann das technische.

Frage: Okay, angenommen ich habe beide Gutachten für jeweils 300 Euro. Was kosten der Führerschein und ein Umbau?
Experte: Die Kosten des Umbaus sind natürlich unterschiedlich. Zwischen einem einfachen Kurbelknauf am Lenker für 20 Euro bis zur vollelektronischen Steuereinheit für fünfstellige Beträge ist alles möglich. Die geeignete Fahrschule findet man im Internet. Die Adresse muss ich nachreichen.

Frage: Für meinen Golf-Umbau habe ich, als Paraplegiker, im Jahr 1996 30.000 D-Mark gezahlt.
Experte: Eine Paraplegiker-Umrüstung? Die muss dann aber aus purem Gold gemacht worden sein. Sind da die ganzen Verladungsvorrichtungen drin?

Einwurf: Automatik, Recaro-Sitz, elektrische Verstellung, Standheizung, Verladevorrichtung, Übersetzhilfe, Schiebetür und so weiter.
Experte: Die Standheizung, Verladehilfe usw. sind nicht Gegenstand der Fahrerlaubnisbegutachtung. Die sind sicherlich auch erforderlich und werden bei der Fahrzeugumrüstung z. B. auch von der Berufsgenossenschaft übernommen. Sie erscheinen aber nicht im Führerscheineintrag.

Frage: Steht eigentlich der Umbau exakt im Führerschein oder z. B. nur modifizierte Lenkung etc.?
Experte: Im Führerschein steht jetzt nur noch ein Code-Eintrag. Der steht für eine allgemeine Beschreibung des festgelegten Umrüstungsmerkmals. Eine Festlegung auf ein bestimmtes Produkt ist nicht zulässig. Deshalb gibt es auch so viele Anbieter.

Frage: Ist man eigentlich verpflichtet, Verschlechterungen zu melden oder reicht es, wenn man dann den Umbau erweitert?
Experte: Ich würde mich nicht erwischen lassen. Das ist Fahren ohne Fahrerlaubnis und wird entsprechend bestraft. Wenn ein Unfall passiert, ist auch der Versicherungsschutz verloren.

Frage: Auch dann, wenn ich jetzt einen Führerschein bekommen und sich danach meine bereits bekannte Erkrankung verschlechtert?
Experte: Mit den Verschlechterungen der Muskelkrankheit ist das genauso wie mit dem Eintritt der Querschnittlähmung. Wenn man es nicht selbst mitteilt, erfährt die Behörde es zunächst nicht. Wenn dann was passiert, hat man keinen Versicherungsschutz.

Moderator: Gilt der Führerschein europa- bzw. weltweit?
Experte: Unser Führerschein gilt weltweit, die Formulareinträge werden aber nur EU-weit verstanden.

Frage: In den USA interessiert sich niemand für die Eintragungen?
Experte: Die können die Kürzeleinträge wahrscheinlich nicht entschlüsseln. Wenn man aber mit dem eigenen Wagen da ist, sehen sie die Umrüstung und wollen wissen, was Sache ist.

Frage: Wenn ich den Führerschein schon hatte, muss ich nur zur Prüfung bzw. Überprüfung oder noch einmal alle Stunden machen?
Experte: Wer schon den Führerschein hat, macht nur eine Überprüfung. Es ist sicher sinnvoll, unter den "neuen" Bedingungen auch ein paar Stunden zu machen, um zu trainieren. Theorie und so weiter steht nicht mehr an.

Moderator: Braucht ein Schüler für den Führerschein den DRK/Erste-Hilfe-Kurs?
Experte: Als behinderter Fahrerlaubnisbewerber braucht man nach meiner Kenntnis keinen Erste-Hilfe-Kurs.

Frage: In Österreich muss man einmal zum Amtsarzt, dann braucht man einen Techniker. Auch Tetras können mit Umbau Lkws fahren. Schwieriger ist es bei extrem eingeschränkten Tetraplegikern. Das machen die Techniker, wenn sie wissen, welche Umbauten es gibt. Zum Beispiel gibt er vor: Handgasbedienung. Wenn es dann umgebaut ist, schaut es sich keiner mehr an.
Experte: Ich habe schon Umrüstungen gesehen - und bin mitgefahren -, mit denen ein Tetraplegiker auch sicher LKW fahren könnte.

Frage: Ich hatte Angst, mit Querschnittlähmung wieder ans Steuer zu gehen.
Experte: Um die Angst zu überwinden kann man einfach mal probieren, ein paar Fahrstunden zu machen.

Frage: Sie schreiben auch den technischen Umbau des Autos vor?
Experte: Ich gebe auf Grund meines Befundes eine Empfehlung ab. Die eigentliche Umrüstungsvorschrift macht dann der TÜV-Sachverständige.. Es sind also praktisch zwei Gutachten: das medizinische Gutachten, welches sagt, dass es geht und ggf. wie es gehen könnte, und das technische Gutachten, das sagt, wie es dann gehen darf.

Frage: Kann die Führerscheinstelle eigentlich Auflagen machen, angenommen ich schaffe meine "Muss-Stunden" auf dem Schaltgetriebe, oder ist das dann mit den Eintragungen im Führerschein hinfällig?
Experte: Die Führerscheinstelle kann keine Schwierigkeiten machen, da sie nicht sachkundig ist. Sie kann ihre Entscheidungen nur auf Grund der Gutachten treffen. Wenn sie Zweifel daran hat, muss sie ein weiteres Gutachten einholen. Wenn die Gutachten aufzeigen, dass jemand fahren kann, und der TÜV klare technische Vorgaben gibt und die Führerscheinstelle mauert, kann man dagegen vor das Verwaltungsgericht gehen.

Moderator: Wie kann die Führerscheinstelle etwas anzweifeln, wovon sie keine Ahnung hat?
Experte: Das kennen wir doch von allen Ebenen des öffentlichen Lebens. Das beginnt bei der Bundesregierung und hört bei Führerscheinstellen noch nicht auf.

Frage: Kommt das öfter vor?
Experte: Ich kenne keinen Fall.

Frage: Ist Automatik nicht besser?
Einwurf: Das schon, aber ich will nach Möglichkeit einen Führerschein ohne Einträge.
Experte: Ein Führerschein ohne Einträge ist schön, aber einen Querschnitt ohne Lähmung gibt es auch nicht.

Moderator: Die Chatzeit ist um, vielen Dank, Herr Dr. Flieger, fürs Mitmachen und die vielen Infos. Auch an alle anderen Danke für das Mitmachen. Es wäre schön wenn Ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid.
Experte: Liebe Teilnehmer, ich danke vor allem für die Geduld. Ich kann - obwohl ich keine "Tetra-Hände" habe - nicht so schnell schreiben, wie die Fragen kommen. Einen schönen Abend noch.

 

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