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CHAT DOKU | 01.09.1999

Betriebsmedizin

 

Experte Dr. Wiese

Frage: Was ist Betriebsmedizin?
Experte: Das ist Arbeitsmedizin, das heißt alle medizinischen Fragen oder Probleme, die bei der Arbeit auftreten.

Frage: Was sind genau Ihre Aufgaben?
Experte: Ich arbeite im Berufsförderungswerk und betreue Umschüler. Erstens in einer Praxis, zweitens Beratung in der Ausbildung und drittens Untersuchung und Beratung in der Berufsfindung.

Frage: Ihre Aufgaben: Nur medizinische Betreuung oder auch Schaffung des behindertengerechten Arbeitsumfeldes?
Experte: In erster Linie medizinische Betreuung, für das behindertengerechte Umfeld ist das gesamte Ausbildungsteam zuständig.

Frage: Was heißt denn genau Berufsförderung?
Experte: Das heißt zum Beispiel Umschulung, Lernen eines neuen Berufes, weil der alte Beruf aus Gesundheitsgründen nicht mehr geht.

Frage: Sie untersuchen den Umschüler auf seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten und beraten da entsprechend?
Experte: Das ist nur zum Teil richtig. Ich untersuche, welche körperlichen Einschränkungen vorhanden sind und welche Berufe mit den verbleibenden Fähigkeiten gemacht werden können. Die geistigen Fähigkeiten beurteilt ein Psychologe. Dabei geht es um Begabung.

Frage: Ich habe noch von keiner Querschnittlähmung gehört, die die geistigen Fähigkeiten einschränkt!
Experte: Querschnittlähmung allein macht mit Sicherheit keine Einschränkung der geistigen Fähigkeiten. Eventuelle Zusatzverletzungen, z.B. Schädelhirntrauma, können die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen.

Frage: Wie kann man die Arbeitsfähigkeit überhaupt beurteilen?
Experte: Durch eine arbeitsmedizinische Untersuchung und eine zusätzliche Arbeitserprobung vor Ort.

Frage: Wäre Chris Reeves (beatmeter Querschnittgelähmter) in Deutschland als total arbeitsunfähig eingestuft?
Experte: Ja - zumindest, solange er beatmet wird.

Frage: Wie groß ist das Interesse an einer Umschulung, wenn der Sozialstaat eh zahlt?
Experte: Ob jemand motiviert ist zu einer Umschulung, hängt erstens von der Rente ab (Berufsgenossenschafts-Rente meistens sehr hoch), zweitens von der Phase, in der sich der Umschüler befindet. Das erste Problem ist, sich von seinem ersten Beruf zu verabschieden, was schwerfällt. Das zweite, Kompromisse für einen neuen Beruf einzugehen.

Frage: Wer bemißt einen wirtschaftlichen Ertrag, mit welchen Kriterien wird die Arbeitsfähigkeit beurteilt? Wer entscheidet, ob Rente oder Umschulung?
Experte: Der Kostenträger, z.B. Berufsgenosenschaft, entscheidet, ob Umschulung/Wiedereinstieg in das Arbeitsleben oder Rente.

Frage: Welche Möglichkeiten der Umschulung gibt es außer dem Berufsförderungswerk?
Experte: Es gibt freie Träger und Einrichtungen, z.B. Rackow, Grone und Heinze und theoretisch die betriebliche Umschulung. Theoretisch deshalb, weil das Umfeld, sprich Arbeitsplatz, behindertengerechte Umgebung, Herausgerissenwerden zur Berufsschule schwierig zu bewältigen sind.

Frage: Wie kann man sich gegen die Entscheidung wehren, daß eine Behinderte, die arbeiten möchte, nicht arbeiten darf, weil sie keinen »wirtschaftlichen Ertrag" bringt?
Experte: Die Frage kann ich nachempfinden, aber nicht beantworten, da es eine Gesetzesfrage ist. Das hat nichts mit dem Arbeitgeber zu tun, das hat nur etwas mit den Kostenträgern zu tun (LVA, BFA, BG etc.).

Frage: Wer könnte diese Frage dann beantworten?
Experte: Eventuell die Hauptfürsorgestelle, da dort unabhängige Berater arbeiten. Die zuständige Hauptfürsorgestelle erfährt man über die Behörden des jeweiligen Bundeslandes.

Frage: Was ist eine Hauptfürsorgestelle?
Experte: Eine staatliche Einrichtung für Schwerstbehinderte, die dafür sorgen soll, daß der Behinderte wieder in Arbeit kommt.

Frage: Wie sieht die medizinische Betreuung aus in dem Fall, wenn man arbeiten könnte, aber nicht darf?
Experte: Es könnte eine Berufsfindung gemacht werden, um zu entscheiden, welche Berufstätigkeit mehr als halbschichtig gemacht werden kann.

Frage: Wird die Berufsfähigkeit nur von einem Arzt bestimmt?
Experte: Ein Arzt fängt an, meistens der Arzt beim Arbeitsamt, und macht Vorschläge. Wenn der zukünftige Umschüler damit unzufrieden ist, sollte er eine Berufsfindung beantragen.

Frage: Wie groß ist die Chance, nach erfolgreicher Umschulung einen Arbeitsplatz zu finden?
Experte: Nach unseren halbjährlichen Umfragen ehemaliger Umschüler liegt die Vermittlung derzeit bei 50-60 Prozent.

Frage: Wo wohnen die Umschüler, wenn die Umschulung in einer anderen Stadt gemacht wird?
Experte: Das hängt von der Einrichtung ab, in der umgeschult wird, z.B. im Internat eines BFW.

Frage: Wird das Wohnen dort bezahlt, oder muß ich etwas zuschießen?
Experte: Das wird vom Kostenträger der Umschulung bezahlt.

Frage: Wo hat man als Rollifahrer die Chance zu arbeiten?
Experte: Rollifahrer werden eingesetzt im Büro, im Zeichenbüro, als Verwaltungsfachangestellter, als Qualitätsfachmann in der Fabrik etc.

Frage: EDV und Online müßten als Arbeitsfelder doch optimal sein, oder?
Experte: Das ist richtig, da hauptsächlich Kopf und Hände gebraucht werden.

Frage: Bezahlt der Arbeitgeber nicht lieber die Ausgleichsabgabe?
Experte: Das hängt von den Fähigkeiten und von der Motivation der Rollis ab und sicher auch von der sozialen Einstellung des Arbeitgebers.

Frage: Wie hoch ist die Ausgleichsabgabe für Arbeitgeber?
Experte: Sie beträgt 200 DM im Monat; für Rollstuhlfahrer können 3 Stellen in Rechnung gestellt werden.

Frage: Sind Inkontinenzen eigentlich immer der »limitierende Faktor"?
Experte: Inkontinenzen können behandelt werden. Der Idealzustand ist nicht wiederherzustellen, aber mit den Kompensationsmöglichkeiten kann man einen Beruf ausüben.

Frage: Stellen behindertengerechte Sanitärbereiche nicht ein Problem dar, weil kaum welche vorhanden sind in Betrieben?
Experte: Die Vermittlung des BFW klärt bei den potentiellen Arbeitgebern, ob ein behindertengerechter Arbeitsplatz vorhanden ist oder eingerichtet werden kann. Die gesamten Kosten der Umgestaltung des Arbeitsplatzes und des Sanitärbereiches trägt der Leistungsträger.

Frage: Gibt's für den Arbeitgeber auch einen Zuschuß vom Arbeitsamt, wenn er Behinderte einstellt?
Experte: Soviel ich weiß, gibt es Eingliederungshilfen, wenn nötig.

Frage: Wird der Behinderte nachbetreut, wenn er einen Job bekommt nach der Umschulung?
Experte: Es gibt ein spezielles Nachbetreuungs-Team, das den Behinderten 12 Monate lang begleitet.

Frage: Gibt es die Möglichkeit von Zeitverträgen bei Jobvergabe?
Experte: Ja, da gibt es keinen Unterschied zwischen Rollstuhlfahrern und Nicht-Rollstuhlfahrern.

Frage: Ab welchem Beschäftigungszeitrahmen gibt es Zuschüsse?
Experte: Bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen werden Zuschüsse vom Arbeitsamt/Rentenversicherungsträger geleistet. Bei unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen kommen die Zuschüsse von der Hauptfürsorgestelle.

 

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