STARTRAMPE.NET Logo
 
 

Ergotherapie

Ergotherapie

CHAT DOKU | 15.01.2003

Ergotherapie III

 

Expertin Elisabeth Covic

Moderator: Hallo und herzlich Willkommen zum Expertenchat "Ergotherapie III" Expertin ist Elisabeth Covic. Die Themen wie angekündigt allgemein zur Ergotherapie, Tetrarugby, Spina bifida, Hilfsmittelversorgung und wenn wir es schaffen Wohnraumanpassung. Elisabeth, bitte stellen Sie sich unseren Usern kurz vor.
Experte: Ja, also ich heiße Elisabeth Covic, arbeite an der Orthopädischen Uniklinik in Heidelberg und bin 35 Jahre alt. Seit zehn Jahren Ergotherapeutin. Mein Haupttätigkeitsfeld ist Querschnittlähmung und Spina bifida. In meiner Freizeit bin ich aktiv im Rollstuhlrugby tätig.

Moderator: Thema I: Allgemeine Fragen zur Ergotherapie.
Warum sind Sie Ergotherapeutin geworden?
Experte: Weil es ein kreativer Beruf ist, bei dem man in vielen Bereichen tätig werden kann.

Frage: Stört es Sie, dass Ihre Arbeit als Spielen abgefertigt wird?
Experte: Nein, zu Anfang, heute nicht mehr. Da das Spielen ja therapeutischen Nutzen hat, kommt es darauf an das auch zu vertreten.

Frage: Arbeiten Sie direkt in der Uniklinik in Heidelberg mit Patienten?
Experte: Ja, aber z. Z. nur mit Spina bifida erkrankten Kindern und Jugendlichen, bis vor drei Jahren mit Erwachsen mit Querschnittlähmung.

Frage: Wo, im Ludwig Gutmann Haus?
Experte: Unsere Abteilung gehörte zum ehemaligen LGH. Heute hat alles andere Bezeichnungen.

Frage: Was umfasst den Bereich Ergotherapie.
Experte: Das Erlangen der größtmöglichen Selbständigkeit ist natürlich die Hauptaufgabe. Das Selbständigkeitstraining umfasst Anziehen-, Wasch-, Esstraining, Transfertechniken (Übersetzen). Falls notwendig auch Hirnleistungstraining. Wohnungsberatung und Hilfsmittelberatung und -herstellung. Die Arbeit mit sämtlichen Arten von Behinderungen. Psychisch, körperlich und geistig. Es kann in verschiedenen Einrichtungen ausgeübt werden, mit jung und alt.

Frage: Machen die Kassen auch im Ergotheraphiebereich Druck, dass alles pauschalisiert werden soll?
Experte: Ja, ein heisses Thema. Laut DRG (Diagnostic Relation Group) soll alles pauschalisiert werden. Wenn man es genau nimmt, sollte es danach keine Ergotherapie mehr geben, nur noch als Akutbehandlung in Zentren.
Einwurf: Heftig!
Experte: Die Patienten sollen danach in Kurkliniken gehen und dort den Rest lernen, in knapp drei bis vier Wochen. Uns Ergotherapeuten erscheint das unmöglich oder konntet Ihr so schnell mit eurer Situation zurechtkommen?
Einwurf: Erst viel später.
Moderator: So ein Unsinn, wo doch alles Vorort ist.
Experte: Vor allem geht natürlich das Interdisziplinäre verloren. Also, Absprachen mit anderen Bereichen. Auch sind Kurkliniken oft nicht gut ausgestattet. Ich finde den Austausch mit Ärzten, Krankengymnasten und Psychologen wichtig.

Frage: Dadurch entsteht sicher eine Unterversorgung der Betroffenen?
Experte: Darauf wette ich. Die Versorgung wird in allen Bereichen gekürzt. In der Hilfsmittelversorgung sowie in der Erstreha. Im Konkreten, muss man die Frage stellen, wie soll die Pflege das alles auffangen.
Moderator: Gar nicht, die Pflege kann ja nur pflegen. Genauso, wie Ergotherapeuten nur Ergotherapie anwenden können.
Experte: Je selbständiger ein Patient in seiner Erstreha wird, desto mehr entlastet er das Pflegepersonal. Der DMGP (Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie) hat einen Antrag gestellt, dass die DRG nicht auf den Bereich Querschnitt ausgedehnt wird. Zur Zeit noch ohne Erfolg.
Moderator: Hoffen wir das Beste!
Experte: Ja, alles ist übergreifend, ohne Pflege fehlen uns wichtige Informationen und umgekehrt.

Frage: Denkst Du, dass der Beruf ErgotherapeutIn in Zukunft bestand hat?
Experte: Der Markt ist übersättigt, es gibt kaum noch Stellen.

Moderator: Neues Thema: Rollstuhl-Rugby.
Experte: Wer von Euch kennt Rollstuhl-Rugby?
Einwurf: Ich! Ein hohes Unfallrisiko, ich kenne vier Leute, die sich die Zehen gebrochen haben. Sie fuhren ungebremst an die Wand.
Experte: So gefährlich ist es gar nicht. Bisher sind mir persönlich nur zwei Handverletzungen bekannt. Dies kommt sicher nicht mehr vor, da die Regeln bezüglich der Rollstühle geändert wurden.

Frage: Welche körperlichen Voraussetzungen bzw. Funktionen benötigt ein Spieler?
Experte: Die Voraussetzung sind Bewegungseinschränkungen der Oberen Extremität. Das sind also, Tetraplegiker, Menschen mit Multiple Sklerose und Polio. Gespielt wird auf einem Basketballfeld mit Volleyball, vier gegen vier.

Frage: Keine Chance mit C4 oder höher?
Experte: Leider kaum, aber es gibt verschiedene Ligen, Basisliga steht für just for fun. In der Lowpointliga sind ganz Hochgelähmte. Hier wäre auch schon für C5 eine Möglichkeit. Es geht um Spaß und Bewegung, nicht immer ums siegen. Sobald jemand in der Lage ist seinen mechanischen Rollstuhl selbst anzuschieben, kann er mitspielen.

Frage: Dürfen, wie beim Rollstuhl-Basketball, Nichtbehinderte mitspielen?
Experte: Nein, beim Rugby geht das nicht, die sind viel zu stark und dann wäre es echt gefährlich. Manchmal bedauere ich dies, denn mir macht das Spiel auch Spaß. Wir brauchen trotzdem auch Nichtbehinderte, als Helfer, Schiedsrichter, Klassifizierer und Trainer. Hierfür gibt es Lehrgänge, die man besuchen kann. Naja, als Helfer braucht man keine Ausbildung.

Frage: Gibt es Internationale Meisterschaften?
Experte: Jede Menge, die Termine kann man über den Fachbereich Rollstuhl Rugby erfragen.

Frage: Wo, in größeren Städten?
Experte: Über ganz Deutschland verteilt, z.B. Heidelberg, Köln, Bochum, Karlsruhe, München, Ulm, Hannover, Berlin & Koblenz.

Frage: Gibt es auch eine Frauenliga?
Experte: Keine separate Frauenliga. Die Frauen spielen mit den Männern zusammen, bekommen aber einen Frauenbonus, bei der Klassifizierung.

Einwurf: Kompilziert
Experte: Warum?
Einwurf: Weil Tetraplegiker allgemein schwach sind. Da gibt es meiner Meinung nach keine großen Unterschiede mehr.
Experte: Doch, ganz große, so hat ein Tetra mit Trizeps mehr Möglichkeiten den Ball zu passen wie einer ohne. Die Spieler werden je nach Behinderungshöhe in eine Klassifizierung eingeteilt. Die Klasse geht von 0,5 bis 3,5 Punkten, maximal 8 Punkte dürfen auf dem Spielfeld von einer Mannschaft sein.
Einwurf: Ich meine den Nachteil der Frauen gegenüber den Männern, bzw. den Frauenbonus.
Experte: Doch schon von der körperlichen Voraussetzung her. Die erhaltene Muskulatur kann bei Männern wieder stärker auftrainiert werden. Trotzdem, es ist glaube ich der einzige Mannschaftssport für so stark Behinderte. Informationen gibt es unter http://www.quadruby.de.

Moderator: Thema III: Spina bifida
Wird Spina bifida grundsätzlich vererbt?
Experte: Nein, ich glaube nicht, dass müsste ich aber genauer recherchieren.

Frage: Ab welchem Alter sollen Kinder mit Ergotherapie beginnen?
Experte: So früh wie möglich.

Frage: Es kommt also weniger auf das Alter und die Reife an?
Experte: Es ist wichtig auch anfangs schon Wahrnehmungsförderung zu machen. Das Kind kann sich die Reize selbst nicht holen, dadurch ist das Kind in seiner Wahrnehmung eingeschränkt. Ein gesundes Kind schaukelt sich z. B. selbst durch seine Bewegungen mit Armen und Beinen. Ein gelähmtes Kind kann das nicht. Die meisten Spina bifida sind sprachlich sehr begabt. Dadurch können sie oft Defizite ausgleichen. Trotzdem sollte man sich davon, als Therapeut, auch nicht zu sehr leiten lassen.

User: Ich habe sehr früh sprechen gelernt, weil ich nicht einfach aufstehen konnte, um mir Dinge selbst zu holen.
Frage: Wie kann man die Wahrnehmung fördern? Machst Du mehr gymnastische oder funktionelle Übungen mit Kindern?
Experte: Wahrnehmung: Es sollen so viele Sinne wie möglich angesprochen werden. Den Kindern die Möglichkeit geben auf verschiedenen Ebenen zu handeln oder zu schaukeln. Damit soll das Gleichgewicht ausgebildet und eine Raum - Lage - Orientierung entstehen.

User: Mit dem Rollstuhl " kippen"! Das trainiert das Gleichgewicht.
Experte: Ja, oder Sensibilitätsförderung, also mit verschiedenen Materialien arbeiten. Berührung und fühlen. Ab dem fünften Lebensjahr fängt auch ein bisschen Selbstständigkeitstraining an, Oberkörper anziehen, Gesicht waschen, Zähneputzen, Haare bürsten etc.

User: Vom Bett in den Rollstuhl und zurück.
Experte: Das fängt meist später an.
Die Kinder sind häufig mit Miedern oder Korsett versorgt, um eine Verkrümmung der Wirbelsäule vorzubeugen, da ist es schwierig den richtigen Hebel zu haben.

User: Ich bin bereits im Kindergarten aus dem Rollstuhl ausgestiegen. Zumindest vom Boden auf den Stuhl gekrabbelt. Allerdings ohne Korsett.
Experte: Es kommt auf die Lähmungshöhe an und welche Funktionen erhalten geblieben sind. Das, was ein Kind kann, dass eignet es sich auch von alleine an, durch aus probieren. Manchmal bremsen eher die Eltern ihre Kinder aus Angst.
User: Meine Eltern versuchten mir, aus Angst, einzureden, ich könnte nicht alleine wohnen. Ich habe bewiesen, es geht.
Experte: Das höre ich oft, die Angst kann ich ja auch verstehen. Es sollte ein Ziel sein, sich von den Eltern zu lösen.

Frage: Die Eltern müssen auch bedenken, dass sie nicht ewig für ihr Kind da sein können?
Experte: Es geht nicht nur darum, wenn sie nicht mehr sind. Um den Kindern mehr Möglichkeite zu bieten, sind mir Gespräche mit Eltern wichtig.

User: Es gibt fast nichts, was ich nicht kann und trotzdem haben meine Eltern immer Angst um mich. Ich liebe sie und bin froh eine eigene Wohnung zu haben.
Experte: Inwieweit lebst Du selbständig?
User: Ich wohne alleine, morgens und abends kommt eine Krankenschwester, dreißig Minuten, um mir beim Toilettengang zu helfen.
Experte: Kommt jemand, ab und zu, zum helfen?
User: Meine Mutter wäscht und bügelt meine Wäsche, zusätzlich habe ich eine Putzfrau.
Experte: Ist das Bequemlichkeit?
User: Mutter hilft mir, wenn ich schwere Kisten einkaufen muss, den Rest mache ich alleine.
Experte: Wie hoch ist Dein Lähmungsniveau?
User: Das weiß ich nicht, die Narbe ist direkt über dem Po.

Experte: Also Lumbalbereich, das heißt Du hast auch einen Rest Beinfunktion?
User: Nicht wirklich, ich habe etwas Gefühl in den Oberschenkeln. Das reicht aber für nichts. Das linke Bein kann ich etwas anheben, darauf stehen kann ich nicht.

Experte: Dann ist das ja Super. Was hast Du für Deine Selbständigkeit getan?
User: Ich bekomme noch Hilfe von meinen Eltern und den Krankenschwestern. Meine Eltern haben hart für mich gekämpft. Sie haben durchgesetzt, dass ich einen "normalen" Kindergarten und eine "normale" Schule besuchen konnte. So konnte ich Meinen Realschulabschluss machen und arbeite nun als Verwaltungsangestellte.

Experte: In welchen Bereichen würdest Du Dir mehr Selbständigkeit wünschen?
User: Ich würde gerne auf die Krankenschwester verzichten können, das war bisher nicht möglich.

Experte: Was genau macht sie oder geht Dir die Frage zu weit?
User: Waschen im Intimbereich, Baden, Inkontinenzversorgung, Kathederisieren, Müll weg bringen, Post holen, Bett machen ...

Experte: Ein Paradox, Deine Eltern haben Dir quasi die Selbstständigkeit antrainiert und wollen Dich aber nicht ausziehen lassen?
User: Genau

Experte: Das Waschen und Kathederisieren, hast Du bereits versucht zu lernen?
User: Das Kathedern habe ich bereits mehrmals versucht. Es geht einfach nicht, da ich grundsätzlich ohnmächtig werde, wenn ich meinen Kopf zu weit nach untenhalte. Die X-Beine erschweren alles noch zusätzlich.

Experte: Das ist schlecht, aber sicher gibt es dafür Lösungen.
User: Ich bin noch auf der Suche. Erstmal von den Eltern unabhängig aus der Wohnung kommen und ohne Mutter oder Krankenschwester verreisen.

Experte: Dann starte doch den Versuch es im Krankenhaus zu lernen, nur dafür.
User: Ich habe es ja schon so oft versucht, auch im Krankenhaus! Im Moment fehlt mir dazu der Mut, weil ich nach jedem Fehlversuch deprimierter werde.

Experte: Das kann ich verstehen, da hilft nur die Zeit.
User: Im Krankenhaus klappt das alles prima, mit zwanzig Kissen im Rücken, einem höhenverstellbaren Bett und zehn Krankenschwestern, die daneben stehen.

Experte: Wie bist Du zu Hause ausgestattet?
User: In meiner Wohnung habe ich extra ein Bett bauen lassen, dass meine Rollstuhlhöhe hat.
Experte: Das ist gut für's übersetzen, hilft aber nicht beim Kathederisieren.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Querschnittlähmung und Spina bifida, außer das letzteres von Geburt an vorhanden ist?
Experte: Bei Spina bifida kommen noch einige Einschränkungen hinzu.

Frage: Zum Beispiel?
Experte: Wahrnehmungsstörungen, teilweise lern- oder geistige Behinderungen.

Frage: Kann ich einen elektrischen Lattenrost als Hilfsmittel beantragen?
Experte: Ja

Frage: Wie und wo, beim Hausarzt?
Experte: Solche Verordnungen über den Hausarzt sind möglich. Oft werden sie eher genehmigt, wenn das Rezept aus der Klinik kommt. Warum weiß ich nicht. Hausärzte tun sich zudem schwer wegen ihrem Budget und haben meist keine Ahnung von Hilfsmitteln. Woher auch, das ist ein halbes Studium.

Frage: Soll ich also erst in eine Klinik gehen, wie geht man vor? Ich war seit 1993 nicht mehr in Rehabilitation.
Experte: Ja, dann komm doch wieder mal, könnte spaßig werden Dich wieder zu sehen.

Einwurf: Meine Hausärztin wollte mir einen Dauerkatheder legen lasse.
Experte: Damit steigt die Infektionsgefahr.

Einwurf: Das hat man bei mir auch schon versucht. Ich lehne das kategorisch ab, auch aus ästhetischen Gründen.
Experte: Ich finde es wichtig auch darauf zu achten.

Experte: Gibt es noch Fragen? Nein? Es war nett mit Euch und ich hoffe ich konnte bei ein paar Fragen helfen.
Moderator: Vielen Dank Elisabeth, dass Du Dich zur Verfügung gestellt hast.

 

Artikel empfehlen»
Artikel als PDF»
Druckansicht»

 


ANMELDEN/ABMELDEN 

 




 

Mitglied werden»

Passwort vergessen»

 

SUCHE 

 

 
 
 
© 2005 STARTRAMPE.NET e.V. · Gast · Druckansicht