Neuroregeneration

CHAT-DOKU | 19.07.2006
Neuroregeneration VI
Experte Dr. Frank Bradke
Expertenchat »Neuroregeneration VI. »Axonales Wachstum und Regeneration« am 19 Juli 2006 mit dem Experten Dr. Frank Bradke vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie, Martinsried
Moderator: Herzlich Willkommen zum heutigen Expertenchat »Axonales Wachstum und Regeneration« mit Dr. Frank Bradke, Wissenschaftler am Max-Plank-Institut für Neurobiologie in Martinsried. Wie schon angekündigt, forscht Dr. Bradke mit seinem Team an einem zellbiologischen Verfahren, mit dessen Hilfe man Nervenverbindungen im Rückenmark wieder herstellen kann. Bevor wir anfangen bitte ich Sie, lieber Herr Dr. Frank Bradke, sich unseren Usern vorzustellen.
Experte: Mein Name ist Frank, ich bin 36 Jahre alt und leite eine Forschungsgruppe »Axonales Wachstum und Regeneration« am Max-Plank-Institut in Martinsried bei München.
Moderator: Sie haben Familie?
Experte: Ja, ich bin verheiratet und habe zwei Kinder, die im Fußballfieber sind.
Moderator: Wie lange forschen Sie schon auf dem Gebiet der Neuroregeneration?
Experte: Ich arbeite seit sechs Jahren an der Neuroregeneration, vorher habe ich mich vier Jahrelang vor allem mit den Grundlagen axonalen Wachstums auseinandergesetzt.
Moderator: Nur am Max-Plank-Institut oder auch anderweitig?
Experte: Zuerst am University College London. Dann war ich für die Doktorarbeit am EMBL (European Molecular Biology Laboratory) in Heidelberg. Danach ging es nach Amerika (San Francisco und Stanford). Seit drei Jahren bin ich in Martinsried.
Frage: Was heißt »axonal«?
Experte: Axone sind die biologischen Drähte, die die Nervenzellen mit Sinnzellen, Muskelzellen und anderen Nervenzellen verbinden.
Frage: Die wollen nicht mehr von alleine sprießen und Sie wollen sie wieder zum Wachsen anregen?
Experte: Genau, aber das ist das große Problem, denn im Rückenmark gibt es viele Stoppzeichen, die verhindern, dass sie wieder auswachsen.
Frage: Wenn ich das richtig verstanden habe, unterscheidet sich Ihr Forschungsansatz grundsätzlich von dem Ansatz von Herrn Schwab?
Experte: Herr Schwab und seine Arbeitsgruppe konzentriert sich darauf, eines der Stoppzeichen zu neutralisieren. Wir dagegen wollen aus den Axonen eine Art »Italienische Fahrer« machen, die sich nicht um Stoppzeichen kümmern. Im Prinzip geht es darum, die Axone innerlich zu verändern, also die »Bremse« auszubauen.
Frage: »Ohne Bremse« klingt gefährlich, was wenn es kein Halten mehr gibt?
Experte: Guter Punkt, im Prinzip ist das »Bremsen« nie ein Problem im Rückenmark. Erstmal müssen sie wachsen.
Frage: Was sind Stoppzeichen?
Experte: Stoppzeichen sind bestimmte Proteine (Eiweiße), die sich in den Hüllen befinden (Myelin), und in der Narbe, die sich nach der Verletzung bildet.
Frage: Wachsen die Axone nicht selbstständig ohne »Bremse«?
Experte: Nein, das ist ja das Problem. Man muss die »Bremse« finden und inaktivieren.
Frage: Also hat jemand mit Verwachsungen an der Narbe mehr »Stoppzeichen« d. h. wenig Chancen?
Experte: Da bin ich mir nicht sicher. Im Prinzip gibt es fast ein Dutzend verschiedener Stoppzeichen. Es muss also viel inaktiviert werden.
Frage: Also nicht nur Protein?
Experte: Die verschiedenen Stoppzeichen sind alles verschiedene Proteine (Eiweiße).
Frage: »Ohne Bremse« droht doch »Wildwuchs", oder?
Experte: Genau das ist eines der Probleme. Wildwuchs kann ein Problem sein, daher muss man mit Versuchen am Menschen extrem vorsichtig sein. Da kann viel schief gehen …
Frage: Problem erkannt und inwieweit gebannt?
Experte: Erstmal müssen wir in Tierversuchen Wachstum sehen, dann können wir auch die Probleme besser abschätzen.
Frage: Ich erkläre mir das so, dass die Nerven »verfranzt« sind.
Experte: Das könnte einfach ein potenzielles Problem sein, aber erstmal muss man etwas finden, was Axone zum Wachsen bringt, o. k.?
Frage: Wie wachsen dann die richtigen Nerven miteinander zusammen?
Experte: Nerven wachsen nicht zusammen, sie sollen nachwachsen. Am besten wäre, wenn die Axone wieder genau dahin wachsen, wo sie vorher waren. Das wird wahrscheinlich nicht passieren. Jedoch, das tolle an unserem Gehirn ist, dass es total plastisch ist. Das Gehirn wird wahrscheinlich neue Verbindungen nutzen können. Das sieht man immer wieder bei Schlaganfall-Patienten.
Frage: Bei Versuchen mit Primaten fanden die Nervenbahnen auch den richtigen Weg, oder?
Experte: Zum Teil ja, aber viele der neueren Arbeiten zeigen, dass bei inkompletten Läsionen Axone neue Verbindungen machen.
Frage: Warum eigentlich nur bei inkompletten Querschnittlähmungen?
Experte: Hier geht es darum, dass einfach noch bestehende Verbindungen umfunktioniert werden. Beim kompletten Schnitt hilft nur, das axonale Wachstum anzuregen. Wir konzentrieren uns voll auf das Zellinnere.
Frage: D. h. per Eingriff werden die Signale umgeleitet ohne zusätzliche Verbindungen?
Experte: Es werden neue Schaltstationen (Synapsen) gebildet, ohne das zuviel Wachstum benötigt wird.
Frage: Die vorhandenen Nerven verflechten sich neu, intensiver?
Experte: So ungefähr, es gibt einfach Nervenbahnen, die bestimmte Funktionen haben. Es hat sich gezeigt, dass diese Nervenbahnen auch »neue Jobs« übernehmen können.
Frage: D. h. bei axonalem Wachstum kann man vorher nicht bestimmen, welcher Körperbereich profitiert?
Experte: Wir schlagen uns im Moment damit herum, die Axone erstmal zum Wachsen zu bringen …
Frage: Ist das nun ein Vor- oder Nachteil inkomplett zu sein?
Experte: Inkomplett ist bestimmt immer besser.
Frage: Was, wenn die Axone sich selbstständig falsch verbinden, ist das doch schlecht, oder?
Experte: Ja, aber wie gesagt: Das Gehirn kann viele »falsche« Verbindungen benutzen.
Frage: Kann das auch bei angeborener inkompletter Querschnittlähmung funktionieren?
Experte: Im Prinzip ja, aber ich wäre extrem vorsichtig zu denken, dass in den nächsten Jahren eine Therapie auf den Markt kommt. Akute Patienten haben einfach bessere Erfolgschancen, denn zu späteren Zeitpunkten sterben auch Nervenzellen.
Moderator: Warum gibt es eigentlich »Stoppzeichen«?
Experte: Guter Punkt, im Prinzip denkt man, dass die höheren Wirbeltiere eine Ordnung brauchen, da die Zellen an sich schon sehr plastisch sind. Die Stoppsignale braucht man wohl, um diese Ordnung zu erhalten. Sie sind also bei allen Erwachsenen vorhanden.
Moderator: Gibt es bei Kindern auch »Stoppsignale«?
Experte: Ja, aber gerade Neugeborene haben bessere Regenerationschancen. Es gibt sowohl weniger »Stoppzeichen« als auch ein besseres Wachstum der Nervenzellen.
Moderator: Mit welchen Zellen forschen Sie?
Experte: Hippokampusneuronen, dorsale Wurzelganglien, Neuronen und an Rückenmarksläsionen bei Maus und Ratte.
Moderator: Sind die Tierversuche erfolgreich?
Experte: Tierversuche gehen in die Richtung, sie sind in Deutschland genehmigt.
Frage: Auch Primate?
Experte: Wir arbeiten nicht mit Primaten, aber die Arbeiten von Schwab zeigen gerade große Erfolge mit Primaten.
Frage: Was sind Stoppsignale, wie wirken sie sich aus, wie werden sie angezeigt?
Experte: Stoppsignale sind Eiweiße, die axonales Wachstum blockieren.
Frage: Wenn man die Narbe im Rückenmark raus schneidet, ist man dann wieder akut?
Experte: Narbe wegschneiden ist so eine Sache, denn danach bildet sich ja wieder eine größere Narbe.
Moderator: Ja, aber eine frische.
Experte: Das könnte was sein.
Moderator: Gibt es für Ihre Arbeit genug Fördermittel?
Experte: Die Fördermittel sind ausreichend.
Frage: Es gibt doch etwas gegen Narbenbildung, oder?
Experte: Da bin ich mir nicht so sicher.
Frage: Ich habe auch etwas von einer Brücke über den beschädigten Bereich gelesen.
Experte: Stimmt, an diesem Ansatz wird geforscht.
Moderator: Wie viel Köpfe zählt Ihr Forscherteam?
Experte: Vier Postdocs (mit Doktor rer. nat.), fünf Doktoranden, ein Diplomand, eineinhalb TAs und ich.
Frage: Was ist das für eine Geschichte mit dem Enzym Sialidase?
Experte: Ein Ansatz, der einen der Rezeptoren für die Stoppsignale lahmlegt.
Frage: Quasi, wie das No-go-Serum von Dr. Schwab?
Experte: Sialidase baut nicht die Stoppzeichen ab, sondern behindert die Zellen daran, dass Stoppsignal wahrzunehmen.
Frage: Der Schwerpunkt liegt wohl auf dem Umgang mit den Stoppzeichen?
Experte: Wir kümmern uns nicht um Stoppzeichen.
Moderator: Sind Sie davon überzeugt, dass Querschnittgelähmte eines Tages wieder laufen können bzw. ihnen wirklich helfen zu können?
Experte: Ein Wachstum von 2,5 Zentimetern halte ich für möglich. Je nach Läsion kann das extreme Verbesserung bringen (weg von der Atemmaschine oder Bewegung der Finger etc.).
Moderator: Die Zeit ist um. Danke Herr Dr. Bradke, dass Sie sich den Usern zur Verfügung gestellt hast und allen Dank fürs Mitmachen. Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder mit einem Sack Neuigkeiten. Schönen Abend und bis zum nächsten Mal.
Experte: Klar, habe ich gern gemacht. Es hat echt Spaß gemacht mit Euch.


