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Pflege

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CHAT DOKU | 16.10.2002

Pflege III

 

Experte Torsten Reimers

 

Moderator: Ich begrüsse alle Anwesenden zum heutigen Expertenchat. Unser Experte Torsten Reimers beantwortet uns Fragen zum Thema "Pflege". Vielleicht kann sich der Experte kurz vorstellen.
Experte: Ich bin 41 Jahre und arbeite als Krankenpfleger im Querschnittgelähmten-Zentrum Boberg.

Moderator: Muss man als Querschnittgelähmter bei jedem roten Fleck an einen entstehenden Dekubitus denken?
Experte: Wenn er durch Druck entstanden ist, ja.

Moderator: Sollte man dann bereits Maßnahmen ergreifen, z.B. Duckentlastung?
Experte: Richtig.

Frage: Bist Du Experte dafür, wie man Dekubitus verhindert oder haben schon viele Deiner anvertrauten Pflegebedürftigen einen Dekubitus bekommen?
Experte: Der Dekubitus ist auf unserer Station sehr selten.

Moderator: Gibt es eine Faustregel zu den Zeiten wie lange man sitzen sollte?
Experte: Das ist sehr individuel, jeder Mensch reagiert anders. Das Lebensalter, die Hautbeschaffenheit und Sensibilität sind die bestimmenden Faktoren.

Frage: Verändert sich die Hautbelastbarkeit mit den Jahren?
Experte: Die Haut ist ab 60 nicht mehr so belastbar.

Einwurf: Ich bin zwar nicht betroffen, aber aus Medien des öfteren davon gehört. Ehrlich gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass der Patient nichts merkt.
Experte: Wenn man den Schmerz nicht spürt.

Moderator: Kann eine gute Hautpflege vorbeugend wirken?
Experte: Ja

Moderator: Wie sollte die aussehen?
Experte: Öl- in Wasser Emulsion, PH-Neutral.

Frage: Es betrifft ja nicht nur Querschnittgelähmte, gibt es dazu Untersuchungen?
Experte: Ein Dekubitus kann jeder bekommen, z. B. bei einer Operation.

Einwurf: Ein Beispiel, dass ich im Fernsehen gesehen habe, handelte von einem älteren Mann. Seine Frau beschwerte sich, dass das Pflegepersonal nicht aufgepasst hat. Meines Erachtens hätte sie ihren Mann auch gründlich anschauen können.
Experte: Ja, das hätte man tun können. Die Verantwortung liegt aber beim Pflegepersonal.

Einwurf: Wie kann das bei Leuten geschehen die nicht gelähmt sind? Fürchten die Leute beim Pflegepersonal in Ungnade zu fallen?
Experte: Sie sind diesem ja ausgeliefert. Dekubitus ist weniger ein medizinisches oder pflegerisches Problem, sondern ein zwischen menschliches. Also wie die Menschen miteinander umgehen. Insbesondere wenn man auf Hilfe angewiesen ist.

Moderator: Heilt ein Dekubitus auch ohne Operation ab?
Experte: Ja, kommt aber darauf an wie groß und tief er ist.

Einwurf: Ich habe eine Stelle am Hinterkopf die immer gerötet ist. Nachts kann ich mich nur schlecht drehen.
Experte: Vielleicht ein anderes Kopfkissen benutzen?
Einwurf: Ich habe ein Federkissen, 40 x 80

Experte: Versuche doch einmal Tempurkissen.
Einwurf: Das ist für mich zu hart, die ersten vier Halswirbel sind stabilisiert. Vom Tempurkissen bekomme ich Schmerzen im Genick. Darum nutze ich wieder Federkissen.
Frage:Wie lange hast Du Tempur ausprobiert?
Antwort: Einige Monate.
Einwurf: Schaumstoff und Loch rein.
Experte: Auf keinen Fall mit Loch! Um das Loch wird der Druck nur noch höher.

Frage: Was ist mit einer Wehseldruckmatratze?
Experte: Wechseldruckmatraze bei einer roten Stelle am Kopf ist übertrieben.

Experte: Wenn die Rötung nicht schlimmer wird, reicht es wohl sie im Auge zu behalten. Eventuell Seitenlagerung, den Kopf anders hinlegen?

Einwurf: Ich kann den Kopf nicht drehen, Seitenlagerung mache ich ohne Hilfe. Das bedeutet, ich kann mich nicht oft drehen. Die Decke verrutscht ect.
Experte: Wenn die Rötung im laufe des Tages verschwindet ist das ok.

Moderator: Könnte man da nichte jede Nacht in einer anderen Stellung schlafen?
Frage: Welche? Bauchlage geht nicht.
Moderator: Eine Nacht rechte Seite, die nächste Nacht dann linke Seite. Immer im Wechsel.
Experte: Eine ganze Nacht ohne Umlagerung ist riskant.
Einwurf: Das sehe ich auch so.
Experte: Ich würde nichts ändern, wenn die Stelle schnell abzieht.
Einwurf: Moderator, ich konnte einmal zwei Jahre nur auf dem Rücken schlafen. Es war schrecklich, normalerweise wechselt man die Stellung im Schlaf unbewußt mehreremale in einer Nacht.

Moderator: Es gibt ja verschiedene Stufen bei Dekubitus, ab welcher sollte man unbedingt zum Arzt gehen?
Experte: Richtig, Stufe eins bis vier. Wenn Du den Finger auf eine rote Stelle drückst und dein Finger keinen weißen Abdruck hinterlässt, solltest Du einen Arzt aufsuchen.

Moderator: Ab welcher Stufe muss man mit einer Operation rechnen bzw. soll man von einer Behandlung Zuhause absehen?
Experte: Ab der dritten Stufe.

Moderator: Wie muss ich mir als Laie die Stufe drei vorstellen, bereits sehr tief?
Experte: Der Defekt geht bis zum Bindegewebe, dass ist schon sehr tief.

Moderator: Ich habe gehört das, bei tiefem Dekubitus, Muskeln verpflanzt wurden, welchen Zweck hat das?
Experte: Ja, irgendwie muss das Loch wieder geschlossen werden.

Moderator: Dann dient dieser Muskel sozusagen zum Auffüllen?
Experte: Die Behandlung fällt in den ärztlichen Bereich.

Moderator: Hausärzte sind da oft überfordert, ist es ratsam sofort eine Klinik aufzusuchen, die sich damit auskennt?
Experte: Kommt auf den Arzt an.

Einwurf: Da musst Du noch den richtigen Arzt finden.

Einwurf: Glaubt Ihr nicht auch, dass Dekubitus mehr ein Resultat unsererer gefühlskalten Gesellschaft, der Gewinnbestrebungen der Kliniken und der Überforderungen des Pflegepersonals ist?
Moderator: Denke ich nicht, aber unterhalte dich darüber mit Rollstuhlfahrern.
Einwurf: Das sind Pflegefehler bzw. Vernachlässigung.
Moderator: Manchmal Eigenverschulden.
Experte: Oder Überforderung.
Einwurf: Falsche Pflege, selbstverschuldet oder fremdverschuldet, auf jeden Fall vermeidbar.
Einwurf: Bei dem Lohn der Pflegekräfte, kann ich mir durchaus vorstellen, dass es an Motivation mangelt.
Experte: Ich bin motiviert, 29 andere Kollegen auch.
Einwurf: Dann bist Du eine Ausnahme. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich bei einem Klinikaufenthalt, mein Recht auf Selbstbestimmung an der Pforte aufgeben Musste. Die Menschenwürde über Bord werfen, um den Klinikalltag nicht zu stören.
Einwurf: Dito, Querschnittzentren sind sicher davon ausgenommen.
Einwurf: Ich könnte da auch einiges berichten!
Experte: Erzählt mal!

Einwurf: Die Pflege im Querschnittzentrum war immer 1a. Der Aufenthalt in einer neurologischen Station einer Klinik bleibt unvergessen. Ich kann nicht ohne Hilfe essen. In 14 Tagen Klinikaufenthalt gab es für mich viermal Frühstück. Mittagessen wurde täglich, ca. eine Stunde nach dem austeilen, gereicht, also kalt! Keine, für mich bedienbare, Klingel im Einzelzimmer über mehrere Tage. Am ersten Tag, es gab tagsüber wenig zu trinken, bat ich die Nachtschwester um einen Tee. Die Antwort: Wenn ich Ihnen nun etwas zu trinken gebe müssen sie heute Nacht zur Toilette. Das war allerdings nicht notwendig, auch mit Tee.
Einwurf: Ich beispielsweise, hatte ungeheuere Schmerzen, der Operateur versprach mir ein Schmerzmittel. Kaum war er weg, verweigerte die Krankenschwester das Mittel. Begründung: Der Nachbar im Nebenzimmer bräuchte auch nichts mehr.

Moderator: Kann man bestimmte Kissen für Rollstühle empfehlen, damit man besser geschützt ist?
Experte: Davon gibt es viele.

Moderator: Wie sieht es mit Roho-Kissen aus?
Experte: Das Gleichgewicht ist auf einem Roho eingeschränkt.

Moderator: Das hört man öfter, ich kenne aber Rollstuhlfahrer mit gegenteiliger Meinung.
Einwurf: Auf dem Rohokissen sitzt man schwammiger.
Experte: Rohokissen machen nur Sinn, wenn man eine ganz empfindliche Haut hat.

Frage: Was ist mit Jaykissen und Gelkissen?
Experte: Die meisten Paienten bei uns werden mit einem Jay-Kissen ausgestattet.

Frage: Ich suche nach einer Salbe oder Creme um vorhandenen Dekubitus zu pflegen.
Experte: Dafür gibt es keine Salbe, da hilft Druckentlastung und falls der Dekubitus offen ist, eine Wundbehandlung. Das festzulegen ist aber ärztliche Aufgabe.

Frage: Inwiefern kann mir ein Abszess am Gesäß ärger machen?
Experte: Er kann unbemerkt in die Tiefe gehen.

Frage: Das sich keine Tasche bildet?
Experte: Genau.

Frage: Zugsalbe nehmen?
Experte: Den Arzt fragen und so wenig wie möglich belasten.

Frage: Führt ihr in Boberg auch Sitz-Druckmessungen durch?
Experte: Nein, das einzige, dass wir gemessen haben sind die Auflagedrücke von Matratzen.

Moderator: In Bad Wildung und Murnau wird das gemacht.
Einwurf: Zum Teil auch in Sanitätshäusern z.B.in Aachen.
Experte: Wozu?
Moderator: Um die Belastung im Sitzen zu messen ist das sicher sinnvoll.
Experte: Macht nur mit Dummy Sinn, weil die Messergebnisse jedesmal anders sind.

Frage: Das Steißbein macht mir öfter Ärger mit Rötung. Am Kopf schwitze ich, ohne Belastung ist alles gut.
Experte: Kannst Du Dich zwischendurch im Rollstuhl hochstützen?

Einwurf: Nein, Roho am Steiß abgeklemmt, keine Probleme.
Experte: Falsche Sitzposition? Der Steiß bist auch eher im Bett gefährtet.

Einwurf: Ich sitze quasi vorschriftsmäßig.
Experte: Das Kissen hat eigentlich damit weniger zu tun.

Moderator: Kann es am Rückenteil vom Rollstuhl liegen?
Experte: Das wäre denkbar.

Einwurf: Im liegen habe ich keine Probleme.
Moderator: Kannst Du das Rückenteil verstellen?
Einwurf: Ja

Experte: Wenn keine weiteren Fragen anliegen, möchte ich meinen Nachfolger vorstellen. Er sitzt am Keybord!
Experte: Hi, mein Name ist Dietmar Bauer.

Moderator: Willkommen Dietmar.
Experte: Ich bin seit fünf Jahren im Querschnittzentrum Boberg tätig und arbeite auf Torstens Station er mein Chef. Ich bin Krankenpfleger wie er, aber zum Glück zehn Jahre jünger :-)

Moderator: Also, dann ist beim nächsten Expertenchat zum Thema Pflege Dietmar Bauer der Experte?
Experte: Voll korrekt.

Moderator: Werden die Expertenanfragen per Email in Zukunft an Dietmar weitergeleitet?
Experte: Ja

Moderator: Gibt es noch Fragen an den Experten? Ihr könnt auch ein Mail an den Experten schicken!
Über die Seite "Experten" bei STARTRAMPE.NET kommt Ihr zu den einzelnen Experten.
Wenn keine Fragen mehr offen sind, dann würde ich nun den Chat offiziell beenden. Ich bedanke mich bei allen Teilnehmern.
Besonderen Dank den beiden Experten für die Zeit die sie uns hier geopfert haben.
Experte: Gerne

 

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