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Psychologie

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CHAT DOKU | 21.04.2004

Psychologie III

 

Experte Jörg Eisenhuth

Moderator: Hallo und Willkommen zum Expertenchat Psychologie, mit Dipl. Psychologen Jörg Eisenhuth von der Werner-Wicker-Klinik, Bad Wildungen.
Folgende Themen sind geplant: Allgemeines zur Psychotherapie, Behandlung von Schmerzen durch Psychotherapie, Partnerschaft als Schwerpunktthema und wenn wir es noch schaffen, psychologische Betreuung der Angehörgigen.
Bitte stellen Sie sich zunächst kurz unseren Chatteilnehmern vor.
Experte: Ja, erstmal Danke für die Einladung, es ist mein erster Chat. Seit 1991 arbeite ich in der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen. Meine Arbeitsschwerpunkte sind natürlich die Gespräche mit frisch Verletzten oder Erkrankten und deren Angehörigen. Weiterhin die Behandlung von chronischen Schmerzen bei Querschnittlähmung. So das wäre mein Teil zur Vorstellung, ich freue mich jetzt auf Fragen.

Frage: Mit welchem Schwerpunkt haben Sie studiert?
Experte: Ich bin Diplom-Psychologe und habe Psychologie in Göttingen studiert. Nach dem Studium hab ich eine Zusatzausbildung in Hypnose gemacht.

Frage: Behandeln Sie Schmerzen durch Hypnose?
Experte: Ja, bei der Schmerzbehandlung wende ich auch Hypnose als Entspannungsverfahren an. Hypnose ist ein gutes Mittel chronische Schmerzen zu lindern. Dauerhaft beseitigen kann sie diese auch nicht.

Frage: Wird das gut angenommen?
Experte: Hypnose bei Schmerzen wird eigentlich gut angenommen, auch wenn manche Menschen vorher etwas skeptisch sind.

Frage: Dient das auch der Bewältigung eines Unfalltraumas?
Experte: Bei Unfalltaumata habe ich es bisher noch nicht benutzt. Da gibt es neue Verfahren wie EMDR, die sehr gute Erfolge erzielen. Eye Movement Desensitization and Reprocessing ist ein Verfahren, das in einem kurzen Zeitraum hilft. Damit behandelt man hauptsächlich die stark belastenden Emotionen, Gedanken oder auch Albträume.

Frage: Wie geschieht diese Behandung, was wird gemacht?
Experte: Was dort passiert ist einfach erklärt. Der/die Betroffenen soll sich auf ein stark belastendes Gefühl konzentrieren. Der Therapeut bewegt dann den Finger vor den Augen hin und her, dem der Betroffene dieser mit den Augen folgen soll. Angeregt werden sollen Prozesse im Gehirn, die zum Beispiel auch in den Traumphasen auftreten. Wenn wir träumen, bewegen wir auch die Augen. Die Bewegung geschieht solange, bis der Betroffene sagt und merkt, dass das betreffende Gefühl etwas leichter betrachtet werden kann. Stimuliert werden sollen unsere beiden Gehirnhälften, die unterschiedlich funktionieren. Die eine Hälfte ist mehr sprachlich kognitiv, die andere emotional und bildhaft orientiert.

Frage: Beantworte ich unter Hypnose alle Fragen willenlos?
Experte: Nein

Frage: Sollen dadurch starke Emotionen abgeschwächt werden? Wie viele Sitzungen dauert dies in der Regel?
Experte: Wie viele Sitzungen benötigt werden, kann ich nicht sagen. Die Erfolge sind überraschend gut, was mich auch erstaunt hat. Ich wende dieses Verfahren selbst noch nicht an, da ich diese Ausbildung noch nicht habe.

Frage: Bei frisch Verunglückten kann man diese Therapie auch noch später ansetzen?
Experte: EMDR ist besonders geeignet bei frisch Verletzten, die durch das Unfalltrauma besonders schreckhaft sind und von Albträumen geplagt werden.
Frage: Wie geht man vor, wenn das Trauma schon länger zurückliegt? Wer entscheidet, ob man EMDR einsetzt?
Experte: Auch wenn es länger zurückliegt, kann mit EMDR gearbeitet werden. Festlegen muss das der Therapeut zusammen mit dem Betroffenen. Denn dieser muss ja die Behandlungsmethode akzeptieren. EMDR ist nie die alleinige Therapie!!!

Frage: Kommt immer eine Verhaltenstherapie dazu?
Experte: Im Gespräch finde ich in erster Linie wichtig herauszufinden, welche besonderen Fähigkeiten jemand hat sein Leben zu meistern.

Frage: Warum wird sie nicht als alleinige Therapieform eingesetzt, wenn sie doch erfolgreich ist?
Experte: Sie ist erfolgreich bei den belastenden Gedanken und Träumen. Sie bietet keine Lösung dafür an, was jetzt aus meinem Leben wird und wie es weitergeht.

Frage: Was will man mit Psychotherapie erreichen?
Experte: Jeder Mensch hat Fähigkeiten sein Leben zu meistern. Der eine findet Lösungen durch Gespräche mit Freunden, der andere muss es zunächst für sich allein klären. Nicht jeder frisch Verletzte braucht einen Psychologen! Bei Problemen greift jeder Mensch zunächst auf andere Möglichkeiten zurück (Familie, Freunde usw.)

Moderator: Manche auch zum Alkohol.
Experte: Ja, manche auch zum Alkohol. Viele Betroffene hatten aber auch schon vor ihrem Unfall Alkohol als Lösungsmöglichkeit.

Einwurf: Alkohol ist das Schmerzmittel, mit dem man die *Operation* Leben aushalten kann.
Experte: Kann auch sein, dass man die OP Leben verpasst.

Frage: Welche Therapierichtung praktizieren Sie?
Experte: Meine Therapierichtung neben der Hypnose ist die Verhaltenstherapie.

Moderator: Wie sind die Erfahrungen mit Hypnose? Klappt hypnotisieren bei jedem?
Experte: Es funktioniert nur, wenn man selbst es will. Es gibt aber Unterschiede wie gut es bei Einzelnen funktioniert.

Moderator: Kannst Du das bitte genauer erklären?
Experte: Skepsis ist verständlich für mich, viele kennen die Fernsehhypnose, wo Menschen willenlos dargestellt werden. So ist es nicht!

Frage: Arbeitest Du allein oder im Team?
Experte: Ich arbeite im Team mit allen anderen Therapeuten wie Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Pflegern und Ärzten.

Einwurf: Ich denke, es geht zunächst nicht um Psychotherapie im Sinne einer Analyse, sondern um die Stärkung des Menschen und seines Umfeldes.
Experte: Ich sehe mich nicht als Psychotherapeuten. Unsere Patienten reagieren normal auf eine außergewöhnliche Situation. Ich begleite und unterstütze sie, aber ich therapiere in erster Linie nicht. Mit Unfalltrauma meine ich die oben beschriebenen Symptome und nicht meine psychologische Arbeit mit frisch Verletzten, die zunächst nicht wissen, wie sie mit einer Querschnittlähmung leben können.

Einwurf: Im Querschnittzentrum ist mir aufgefallen, dass einige (überwiegend männliche frisch Verletzte) sich selbstzerstörerisch Verletzungen zufügten, zu heiß Duschen etc., um dann mit Schmerzunempfindlichkeit prahlen.
Experte: Dies ist eine autoaggressive Reaktion, die im Rahmen der Verarbeitung auftreten kann. Manchmal bleibt dies auch dauerhaft erhalten.

Frage: Was kann man gegen Autoaggression tun? Kann das chronisch werden?
Experte: Zunächst ist dies ein längerer Prozess. Es braucht Zeit, bis man wieder seinen Körper mag, ihm Gutes zuteil werden lässt. Die Aggression richtet sich gegen Körperteile, die einem so im Stich lassen. Nicht nur der Psychologe ist hier gefordert. Wichtiger sind Krankengymnasten und Ergotherapeuten. In ihrer körperbetonten Therapie kann der Betroffene lernen diese Bereiche zu beachten und akzeptieren.

Frage: Was kann der Psychologe dagegen tun?
Experte: Der Psychologe kann diese Aggression zum Thema machen. Vielen ist das ja nicht bewusst.

Frage: Warum reagieren Menschen so verschieden? Ich achte noch mehr auf meinen Körper, erlebe ihn intensiver.
Experte: Jeder Mensch hat seine eigene Erfahrung und seine eigene Erziehung. Daraus resultiert das unterschiedliche Verhalten.

Frage: Wenn die Person seinen Körper hasst, Psychotherapie und Krankengymnastik ablehnt. Wenn sie generell alles ablehnt, wie und wer kommt an diesen Menschen überhaupt noch heran?
Experte: Vielleicht gibt es doch immer noch jemand, der einen Zugang zu einer solchen Person findet. Wenn er alles ablehnt, ist die Zeit noch nicht reif für die Veränderung. Es gibt Möglichkeiten: Zunächst kann ich sagen, ich möchte Dir helfen und es ist mir wichtig, dass Du dir eine Chance gibst. Eine Querschnittlähmung zu verarbeiten dauert zwei bis fünf Jahre, kann aber auch länger dauern. Annehmen bedeutet für mich eine sinnvolle Perspektive im Leben zu haben, trotz der Einschränkung die die Lähmung mit sich bringt.

Moderator: Verabreichst Du den Betroffenen auch Medikamente?
Experte: Nein, als Psychologe darf ich das nicht. Ich empfehle manchmal Antidepressiva, wenn die Betroffenen damit einverstanden sind.

Moderator: Kommen mehr Frauen oder Männer zu Dir?
Experte: Zu mir kommen mehr Frauen als Männer, obwohl bei uns im Krankenhaus nur 30% Frauen sind. Frauen fällt es leichter über ihre Empfindung zu reden.

Moderator: Welches sind die häufigsten Fragen?
Experte: Wie kann ich mit einer Querschnittlähmung weiterleben, was wird aus meiner Partnerschaft, gibt es Hoffnung? Im Leben zählen fünf Bereiche mehr oder weniger stark: Ein gewisses Gefühl von körperlicher Gesundheit, materieller Sicherheit, ideelle Werte wie z.B. Unabhängigkeit, Leistungs- und Liebesfähigkeit, erfüllte menschliche Beziehungen.

Moderator: Ich habe gehört, bei Psychotherapie wird auch Akkupunktur eingesetzt, stimmt das?
Experte: Zu Akkupunktur kann ich nichts sagen. Bei uns wird sie nicht eingesetzt.

Frage: Wie verhält man sich mit hilflosen Angehörigen? Für frisch Verletzte bedeutet das eine große Belastung, Angehörige, Freunde aufzurichten und zu trösten, wo man doch selbst Hilfe braucht. Ich spreche da aus Erfahrung. Wo bekommen Angehörige Hilfe?
Experte: Angehörige sind oft schon sehr seelisch belastet. Es sollte nicht auch noch Aufgabe der Betroffenen sein die Angehörigen zu trösten.

Moderator: Kommt es oft vor, dass Freunde, Angehörige und Partner des Verunfallten Dich um Rat fragen, oder gehst Du auf Sie zu?
Experte: Angehörige kommen selten zu mir. Ich muss auf sie zu gehen. Oft können sie kaum ihre eigene Belastung erkennen.

Moderator: Was rätst Du Freunden, Angehörigen, Partnern?
Experte: Angehörige und Betroffene sollten offen über alles reden, was sie beschäftigt und belastet. Viele schweigen, weil sie sich gegenseitig nicht belasten wollen und dadurch entfernen sie sich voneinander. So ist dann jeder einsam. Wenn Angehörige psychotherapeutisch behandelt werden müssen, suche ich am Wohnort eine psychologische Hilfe. Zu uns kommen Leute aus 600 km Entfernung.

Moderator: Oft wissen Freunde nicht, wie sie auf den Betroffenen zugehen sollen. Was rätst Du?
Experte: Ich rate Betroffenen und Angehörigen eine gleichberechtigte und ehrliche Beziehung zu führen.

Frage: Wie beginnt man solche Gespräche?
Experte: Ich beginne das Gespräch damit, dass ich sage: Beide Seiten sind seelisch belastet und es ist wichtig sich über alles auszutauschen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Eine Beziehung ist auf Dauer sehr belastet, wenn der Betroffene zum Kind gemacht wird und sich Angehörige wie die Erzieher verhalten.

Moderator: Unsere Zeit ist leider vorbei, Jörg hab' vielen Dank, dass Du Dich den Fragen unserer User gestellt hast. An alle herzlichen Dank fürs mitmachen. Allen hier wünsche ich noch einen schönen Abend und bis zum nächsten Mal, wenn ihr mögt.
Experte: Danke auch von meiner Seite, ich habe mir die Finger wund getippt, habe mich oft verschrieben und es war eine spannende neue Sache für mich, die mir Spaß gemacht hat. Sicher sind noch Fragen offen, dann bitte mailen. Einen schönen Abend noch, wo auch immer in Deutschland!

 

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