Querschnittlähmung

CHAT DOKU | 03.11.1999
Querschnittlähmung
Experte Dr. Gerhard Exner
Frage: Herr Dr. Exner, stellen Sie sich doch bitte kurz vor!
Experte: Ich leite das Querschnittgelähmtenzentrum in Hamburg. Es ist eines der größten (und schönsten) Zentren in Deutschland.
Frage: Seit wann leiten Sie das Querschnittgelähmtenzentrum?
Experte: Seit 1988.
Frage: Wie schätzen sie als Experte die Chancen ein, in den nächsten zehn Jahren Motorik und vor allem Sensibilität bei nicht Frischverletzten wiederherzustellen?
Experte: Eine vollständige Wiederherstellung halte ich für nicht möglich.
Frage: Bei mir steht früher oder später ein SARS (Blasenstimulator) an. Zur Erklärung: Ich würde mir blöd vorkommen, wenn in ein paar Jahren ein Durchbruch gelänge...
Experte: Eine vollständige Wiederherstellung halte ich bei einem schweren Schaden nicht für möglich, man wird aber das Ausmaß des Schadens einschränken können.
Frage: Was halten Sie von der Aussage: "In Amerika wird versucht, einen Betroffenen wieder auf die Beine zu stellen, während man in Deutschland fit für den Rollstuhl gemacht wird?"
Experte: Das stimmt nicht. Wir versuchen selbstverständlich, die Gehfähigkeit herzustellen, wenn das Lähmungsausmaß das zuläßt. Bei uns verlassen ca. 40% der Patienten zumindest teilweise gehfähig das Zentrum.
Frage: In den USA plant man demnächst Experimente mit Stammzellen-Transplantation, ist sowas auch in Deutschland zu erwarten?
Experte: Zelltransplantationen in das Rückenmark werden international und auch in Deutschland durchgeführt. Es handelt sich dabei um Zellen von Embryonen. Diese sollen ein Aussprießen von Fasern herstellen.
Frage: Es sind aber keine blutbildenden Stammzellen, wie bei der Leukämie-Stammzelltransplantation?
Experte: Nein, nach meiner Kenntnis.
Frage: Gab es solche Transplantationen auch bei Ihnen in Boberg?
Experte: Nein, das ist eine Maßnahme der Grundlagenforschung, die zur Zeit noch keine klinische Anwendbarkeit hat.
Frage: Ich habe von körpereigenen Gehirn-Stammzellen-Transplantation gelesen, wann werden diese anwendbar sein?
Experte: Das wissen die Experten auch noch nicht!
Frage: Wann werden in Deutschland voraussichtlich klinische Tests mit Stammzellen starten?
Experte: Das weiß ich nicht.
Frage: Laut Pressemeldungen starten die ersten klinischen Tests im Cedars Sinaii Center, Kalifornien. Ist das richtig??
Experte: Das ist richtig!
Frage: Ist es auch richtig, daß in Israel die Firma Proneuron klinische Versuchsreihen starten will?
Experte: Das weiß ich nicht.
Frage: Beträfe eine (teilweise) Wiederherstellung der Sensibilität & Motorik auch Querschnitte, die seit 5-15 Jahren quergeschnitten sind?
Experte: Man muß unterscheiden zwischen frischen und älteren Lähmungsbildern. Für beide sind die Grundlagenforscher bemüht, Wiederherstellungsverfahren zu entwickeln, für die frischen Fälle sind die Aussichten besser.
Frage: Können Sie Spasmus und Spastik/Spastizität unterscheiden? Gibt es unterschiedliche Therapien für sie?
Experte: Das sind verschiedene Begriffe für ein Phänomen.
Frage: Hängt das nicht auch ein bißchen von der Querschnitt-Lähmungshöhe ab?
Experte: Selbstverständlich. Je höher der Lähmungslevel, umso stärker kann die Spastik sein.
Frage: Die Wiederherstellungsverfahren mit Zellkulturen oder ähnliche sind doch sicher abhängig von der
Querschnitt-Lähmungshöhe, oder?
Experte: Nein, das trifft für alle zu.
Frage: Welchen Weg favorisieren sie? Über technische "Geräte" oder eine "Reparatur" des verletzten Rückenmarks?
Experte: Selbstverständlich den der Reparatur des verletzten Rückenmarks, wenn dieses möglich ist.
Zur Zeit ist erst der technische Weg machbar.
Frage: Welche technischen Möglichkeiten gibt es zur Zeit, und für welche Betroffenen kämen sie in Frage?
Experte: Sowohl für frische als auch für ältere Fälle.
Frage: Und die technischen Mittel? Welche Möglichkeiten gibt es und für welche Läsionshöhe kommen sie in Frage? Ich meine die technischen Mittel, um Betroffene wieder auf die Beine zu stellen.
Experte: Die technischen Mittel bestehen zur Zeit in einer umfassenden Behandlung mit einer Schulung sämtlicher Funktionen, die noch da sind und mit Anbahnung neuer Funktionen im Rahmen der vorhandenen Funktionen zum Ausgleich. Zudem sind gute Hilfsmittel herzustellen, die ebenfalls möglichen Ausgleich schaffen. Gerade wenn es um die Frage geht, Betroffene wieder auf die Beine zu stellen, so gibt es - immer vorausgesetzt, die Lähmungshöhe läßt das zu - eine Fülle von Möglichkeiten, die von apparativen Versorgungen (Schienen-Schellen-Apparaten) bis zur Elektrostimulation reichen. Diese kann über Oberflächenelektroden oder neuerdings über implantierbare Elektroden durchgeführt werden, wobei sich diese Versuche noch im Versuchsstadium befinden und noch nicht einer breiten klinischen Anwendbarkeit zur Verfügung stehen. Ganz wichtig ist immer wieder festzustellen, wie weit die Lähmungshöhe überhaupt sich eignet für solche Methoden. Dies müßte immer mit dem behandelnden Arzt einzeln durchdiskutiert werden und kann eigentlich gar nicht pauschal beantwortet werden.
Grundsatz: Wenn eine Funktion wie Stehen und Gehen erreicht werden kann, muß sie sich auch funktionell nutzen lassen, das heißt, es muß ein Benefit dabei herauskommen. Jeder fitte Rollstuhlfahrer ist besser als ein schlechter Schienen-Schellen-Gänger.
Frage: Über welchen zeitlichen Rahmen reden wir dabei? Fünf, zehn, fünfundzwanzig Jahre?
Experte: Meine persönliche Meinung: Ich glaube, das dauert noch lange!
Frage: Welche Institution könnte für klinische Tests in Frage kommen, wie stellt man sich als Proband zur Verfügung?
Experte: Grundlagenforschungen finden zur Zeit auf der Zellebene (Zellkulturen) und im Tierversuch statt. Erst bei abgeschlossener Erprobung wird die klinische Anwendung angestrebt, dann wird man Probanden suchen.
Frage: Ab wann sind Sie sicher, daß eine QL komplett ist?
Experte: Nach der internationalen Klassifikation (ASIA) ist eine Querschnittlähmung nur dann inkomplett, wenn eine Funktion im tiefsten sacralen Segment (S5) besteht. Dies ist in der Regel frühzeitig feststellbar, meist schon innerhalb der ersten Stunden. Das ist deshalb wichtig, weil die Prognose, das heißt die Möglichkeit der Rückbildung, von diesem Befund abhängt. Ist diese Funktion vorhanden, ist die Prognose günstig.
Frage: Kann eine kurzzeitige Kompression des Rückenmarks einen kompletten Querschnitt zur Folge haben?
Experte: Ja.
Frage: Kann man generell auch hochgeschädigten Frauen zu einer Schwangerschaft raten?
Experte: Grundsätzlich ja. Es gibt eine Empfehlung der DMGP für die Betreuung schwangerer Frauen mit einer Querschnittlähmung.
Frage: Gibt`s Behandlungszentren, die sich auf L1/ L2 Fälle spezialisiert haben?
Experte: Alle Behandlungszentren behandeln grundsätzlich alle Lähmungshöhen. Ausnahmen sind Lähmungen oberhalb von C4, hierauf haben sich einige Zentren spezialisiert.
Frage: Welche Zentren haben sich für Läsion über C4 spezialisiert?
Experte: Ich mache keine Reklame. Im Grunde können es alle, die eine umfassende Erstversorgung einschließlich der akuten Phase durchführen.
Frage: Ich will ja keine Werbung machen, aber wo kann ich erfahren, welches Zentrum spezialisiert ist und welches nicht? Wohnort: Mecklenburg Vorpommern.
Experte: Dann wäre Hamburg zuständig.
Frage: Ich frage für meine Freundin, die vor 4 Wochen verunglückt ist, in Australien: Es handelt sich um eine Dislocation zwischen den Wirbeln L1 und L2. Im Moment nur sensorische Empfindungen in den Bereichen L2,L3,L4..
Experte: Ich würde einen Rücktransport empfehlen und einen Transfer in die nächstmögliche Spezialklinik in der Nähe des Heimatortes.
Frage: Jetzt ist sie hier und kommt dann nach Murnau. Insbesondere spricht sie an auf: Wärme und Berührungen der Hauthaare. In den Bereichen L2, L3, L4 und S1 S2 hat sie gute Wahrnehmungen. Sie hat gute Wahrnehmungen, was die Stellung ihrer Gelenke im Raum und zu ihrem Körper betrifft. Die knapp 30jährige fiel durchs Dach auf die Kante vom Kühlschrank, nur 2 m. Bei Dehnungsübungen hat sie starke Empfindungen im Knie und Hüftgelenk. Der Ischiasnerv spricht unter dem Bereich von L1 im Bereich L2, L3 auf Druck sehr stark an. Was läßt sich optimal tun / empfehlen bei diesem Schadensbild?
Experte: Dies ist eine Symptomenbeschreibung, wie sie für viele Querschnittlähmungen typisch ist. Eine Erstbehandlung (wenn es sich um einen frischen Fall handelt) besteht in der Einrichtung der Wirbelsäule, der operativen Fixierung der Wirbelsäule und der eventuellen Dekompression des Rückenmarks. Dann muß man abwarten, ob sich das Rückenmark erholt.
Frage: Hat`s in dem von mir soweit beschriebenen Fall schon mal eine Komplettheilung gegeben?
Experte: Grundsätzlich ja, ist aber selten.
Frage: Zwar mehr Urologie als Querschnitt, aber: Werden in anderen Ländern auch Brindleys implantiert, oder ist das auf Deutschland beschränkt?
Experte: Weltweit werden Brindley Stimulatoren implantiert. In besonders indizierten Fällen.
Frage: Sehr vorsichtig gefragt: Eine SARS in Deutschland könnte ich in Bad W. machen - ist das eine gute Klinikwahl?
Experte: Ja.
Frage: Was empfehlen Sie bei Mißempfindungen?
Experte: Es gibt viele Methoden, die im Einzelfall erprobt werden müssen (try and error).
Frage: Sehen Sie ein flächendeckendes Nachsorgesystem für Querschnittgelähmte gewährleistet? (Gleich chattet die Ministerin mit ihrem Hausarzt-System in
http://www.dialog-gesundheit.de).
Experte: Prinzipiell gibt es das, die Kapazität der Zentren ist aber zur Zeit noch nicht ausreichend.
Frage: Wenn Blutgefäßmalformationen Querschnittlähmungs-Symptomatik schaffen können, gibt es dann andere Rückbildungswahrscheinlichkeiten bei der Therapie der Malformation?
Experte: Ja, das ist eine Frage der Prophylaxe, das heißt, man muß versuchen, den Rückenmarkschaden zu vermeiden. Wenn er erst eingetreten ist, wird die weitere Entwicklung davon abhängen, ob der Schaden komplett oder inkomplett ist.
Frage: Wann muß die dann einsetzen? Wann wäre sie (heute!) diagnostizierbar?
Experte: Spätestens beim Auftreten erster neurologischer Ausfälle ist höchste Alarmstufe angesagt.


