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Rollstuhlsport

Rollstuhlsport

CHAT DOKU | 16.04.2003

Rollstuhlsport

 

Experte Heinz Frei

Moderator: Herzlich Willkommen zum heutigen Expertenchat *Rollstuhlsport* zu dem sich freundlicherweise der Weltklasse-Rollstuhlsportler Heinz Frei als Experte zur Verfügung gestellt hat, Eure Fragen zu beantworten. Er wird Euch mit Tipps und Informationen versorgen. Heinz, bitte stell Dich kurz unseren Usern vor!
Experte: Mein Name ist Heinz Frei, ich bin 45 und seit 25 Jahren im Rollstuhl. Privat habe ich zwei Kinder Jan dreizehn Jahre und Tamara zehn Jahre. Wir wohnen in einem netten kleinen Dorf mitten in der Schweiz in einem Eigenheim. Bei einer sportlichen Tätigkeit während eines Berglaufes bin ich ausgerutscht.

Frage: Wie kommt es, dass gerade die Schweizer Rennrollifahrer so erfolgreich sind?
Experte: Ich glaube, dass wir in der Schweiz mit unserer Organisation und mit dem Rollstuhlsport ein ganz ausgezeichnetes Instrument haben.

Frage: Werden behinderte Sportler in der Schweiz mehr anerkannt als in Deutschland?
Experte: Ich denke, dass wir in der Schweiz einen tollen integrativen Stellenwert erreicht haben und deshalb auch der Bekanntheitsgrad von Rollstuhlsportlern ein hoher ist.

Einwurf: Ich kenne mehr Schweizer als Deutsche Rollstuhlfahrer.
Experte: Vielleicht haben wir Schweizer in Deutschland zu große und regelmäßige Erfolge gefeiert, deshalb kennt man vielleicht den Frei und Nietlispach und die Edith Hunkeler.

Frage: Warst Du schon immer Leistungssportler?
Experte: Tatsächlich war ich schon als Fußgänger ziemlich Leistungssport orientiert, im Rollstuhl hat sich dies noch verstärkt.

Frage: Ist es nicht ein tolles Gefühl, wenn man für so viele Vorbild ist?
Experte: Klar ist das ein nettes Gefühl, aber es sollte einem nicht verleiten den Kopf höher tragen zu wollen.

Frage: Was habt Ihr für Angebote für Tetraplegiker, bei uns ist dies eher spärlich.
Experte: Ich kenne das Problem der Tetras und weiss, dass das Angebot echt kleiner ist. Rugby, Leichtathletik, Tischtennis, Curling, Biken, Skifahren kommt mir in den Sinn.
Einwurf: Das hätte ich jetzt nicht erwartet, allerdings sind ab einer gewissen Lähmungshöhe auch diese Möglichkeiten geschmälert, denke ich mir.

Frage: Welche Möglichkeit bietet die Schweiz an, um Monoski zu lernen?
Experte: Wir haben einen Stützpunkt in Sörenberg, wo spezialisierte Skilehrer das Monoskifahren lehren.

Frage: Kann man Monoskifahren immer machen oder gibt es zu bestimmten Zeiten Kurse?
Experte: Kontaktiert für Infos zum Skifahren am besten die Schweizer Paraplegikervereinigung in Nottwill. Über http://www.paranet.ch gelangt Ihr zu den Daten.

Moderator: Die Lehrer sind auch Rollstuhlfahrer?
Experte: Die Lehrer beim Skifahren sind Fussgänger. Erst später wird es interessant, von einem Rollstuhlfahrer die Renntechnik zu erlernen.

Frage: Wo kann man einen Rennrollstuhl ausprobieren?
Einwurf: Rehability kennen sich echt super aus, kann ich nur empfehlen! http://www.rehability.de

Frage: Welchen Stellenwert hat der Sport in der Erstrehabilitation insbesondere in der Schweiz?
Experte: Der Stellenwert von Sport in der Erstreha ist angemessen, aber noch nicht das Wichtigste. Ich versuche einfach ein wenig zu erfühlen, ob denn das Interesse auch schon da ist.

Frage: Wie kannst Du Deinen Sport finanzieren?
Experte: Von einigen Sponsoren kann ich meine Unkosten decken, außerdem habe ich noch die Ausrüster Adidas und Sopur.

Frage: Was macht eigentlich der Franz Nitlisbach?
Experten: Der Franz ist ganz aktuell ins Bike über gewechselt und macht auf Kantonsebene Politik.

Frage: Welches ist das zur Zeit beste Rennbike auf dem Markt?
Experte: Die Entwicklung ist recht rasant und es lohnt sich gut informiert einen Kauf zu tätigen. Ich selber habe ein Sopur-Bike, von dem ich echt überzeugt bin.

Moderator: Welche Sportarten betreibst Du noch außer dem Rennsport?
Experte: Zum Ausgleich mache ich gerne andere Sportarten z.B. Basketball, Langlaufschlitten, Unihockey, Tischtennis, Tennis, Schwimmen usw. .

Frage: Machst Du auch Kugelstoßen, Diskus und Speerwerfen?
Experte: Früher habe ich damit angefangen, dann wurde es mir allerdings zu statisch, ich war auch so schwach, dass mir die Kugel schier auf die Füße fiel!

Moderator: Was bedeutet für Dich sportliche Aktivität?
Experte: Bereits ein regelmäßiges Training von ein bis zwei Einheiten die Woche gilt für mich als sportlich aktiv.

Frage: Was kann ich als inkompletter Tetraplegikerin außer Schwimmen, Sauna und Krankengymnastik tun? Meine Arme sind durch eine Plexus Parese völlig gelähmt. Schon lange suche ich jemand, der mir ein Rad baut. Problem ist das Steuern, evtl. elektrisch ...
Experte: Deine Behinderung bedeutet eine echte Herausforderung in den Sport einzusteigen, dazu sind durchaus auch Tüftler gefragt.

Moderator: Seit wann bist Du Hochleistungssportler?
Experte: Ich würde sagen, dass ich seit etwa 15 Jahren zur Spitze gehöre.

Moderator: Ist das lange für einen Rollstuhlsportler? Ich finde das eine beeindruckende Zeit.
Experte: Es ist durchaus eine lange Karriere für einen Sportler ganz allgemein. 1985 habe ich zum ersten mal den Berlin-Marathon gewonnen, 2002 nochmals. Vielleicht reicht es dieses Jahr nochmal!

Frage: Hast Du Kontakt zu deutschen Spitzensportlern?
Experte: Uta Pippig ist eine, Dieter Baumann ein anderer, rund um einen Berlin-Marathon trifft man ab und zu interessante Leute. Ich habe viele gute Kontakte zu Sportlern aus allen Sparten, z. B. war ich in Sydney während der Olympiade mit dem schweizer Team.

Frage: Kommst Du am 27.4.2003 nach Hamburg zum Hansa-Marathon?
Experte: Ich fahre am 27. in Hamburg Euren Marathon und freue mich schon heute darauf! Bitte lasst es nicht regnen, das scheuen wir wie der Teufel das Weihwasser.

Moderator: Das bedeutet früh aufstehen, denn die Rollipiloten fahren vorweg, nicht wahr?
Experte: In Hamburg fahren wir vorne weg, wenn es optimal läuft, bin ich unter der Dusche, wenn die ersten Läufer eintreffen!

Frage: Wie kommt es, dass Du noch keine Verschleißerscheinung vom Sport hast?
Experte: Einen gewissen Respekt habe ich vor dem Alter, wenn die Wehwehchen auftauchen. Um mich nicht zu täuschen, nehme ich keine Pillen und deute aber alle Anzeichen von Veränderung.

Frage: Was passiert, wenn sich die Wehwehchen mehren? Reduzierst Du oder hörst Du ganz auf im Hinblick auf Deine Zukunft?
Experte: Ich reduziere für den Moment mein Training und konsultiere allenfalls einen Arzt oder Physiotherapeuten. Wegen Verletzungen musste ich allerdings in diesen 25 Jahren im Rollstuhl noch nie mehr als ein paar Tage aussetzen.

Frage: Wie viel trainierst Du heute noch?
Experte: Ich trainiere immer noch täglich zwei bis drei Stunden. In der Woche 200-300 Kilometer, übers Jahr gut 10 000 Kilometer.

Moderator: Wie bereitest Du Dich auf ein Rennen, respektive auf einen Marathon vor?
Experte: Ich sollte genug geschlafen haben, optimal verpflegt sein (viel Pasta) und das Material kontrolliert haben.

Frage: Ist das Verletzungsrisiko im Rollstuhlsport hoch?
Experte: Aus meiner Erfahrung ist das Verletzungsrisiko recht klein, wenn man gut vorbereitet ist mit gutem Training.

Einwurf: Die Belastung ist doch sehr hoch, der Trainingsaufwand, der Job, der Haushalt und immer alles mit Armen und Schultern, Verschleiss vorprogrammiert.
Experte: Mir sind durchaus risikoreiche Sportarten im Rollstuhlbereich bekannt. Ich kenne Leute, die fahren Kart und fliegen Gleitschirm.

Einwurf: Ich habe vier Tonnen pro Training gestemmt. Heute kann ich keinen Sport mehr ausüben wegen meiner Schulter. Das war wohl die falsche Sportart für mich.
Experte: Ja, mein Respekt! Ich kann Dir versichern, dass ich noch nie anhaltenden Schmerz verspürt habe in all den Jahren. Heute bin ich sicher auch 60 km gefahren. Bei einem Training habe ich schon 40 Tonnen gestemmt, allerdings nur maximal je zehn Kilo pro Arm.
Einwurf: Ja, Powerlifting.
Experte: Powerlifting, wo es darauf ankommt möglichst große Gewichte zu stemmen, würde ich auch nicht vertragen.

Moderator: Wie viel Wettkämpfe bestreitest Du pro Jahr?
Experte: Ich bestreite 20 bis 30 Wettkämpfe davon etwa zehn im Ausland und zwar von Amerika bis Japan und Australien.

Moderator: Wie hältst Du Dich außerhalb der Rennsaison fit?
Experte: Kondition, respektive Ausdauer ist eine Fleissangelegenheit und hat letztendlich mit Talent nicht mehr viel zu tun. Meine Saison dauert von Januar bis Oktober oder November. Da brauche ich diesen Monat zur Regeneration und gleich geht's weiter. Fit bin ich eigentlich immer.

Frage: Wie teilst Du Dir die Zeit ein? Du arbeitest, treibst viel Sport, hast eine Familie und ein Haus.
Experte: Ich sage oft ich hätte einen grossen Hut um all das darunter zu versorgen, arbeite aber nur 50%.
Moderator: Machst Du, obwohl Du durch den Sport die ganze Welt bereist, auch Urlaub wie normale Bürger?
Experte: Natürlich mache ich gerne Urlaub, mal am Meer, mal in den Bergen, am liebsten mit meiner Familie. Meist nehme ich eines meiner Sportgeräte mit, damit ich nicht einroste. Ich bin ein ganz normaler Bürger mit meinen Schwächen und eben den Stärken, welche Ihr nun kennt, aber auch Ihr habt alle Eure Stärken.

Frage: Was hast Du denn für Schwächen? Das interessiert mich nun doch brennend!
Experte: Faulenzen ist ein grosses Hobby von mir.

Moderator: Vielen Dank Heinz, dass Du dich für diesen Chat zur Verfügung gestellt hast.

 

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