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Schmerzen

Schmerzen

CHAT DOKU | 04.02.2004

Schmerzen II

 

Expertin Frau Dr. Tarau vom Schmerztherapeutisches Kolloquium

Moderator: Frau Dr. Tarau, würden Sie sich bitte kurz vorstellen.
Expertin: Zusammen mit drei anderen Kollegen arbeite ich im Schmerzzentrum Wiesbaden. Ich bin niedergelassene Schmerztherapeutin seit 1996 und befasse mich mit chronischen Schmerzen seit 1990. Wir behandeln ungefähr 1 400 Patienten mit chronischen Schmerzen im Quartal. Nur um Ihnen eine Vorstellung zu geben, wie viele Menschen darunter leiden.

Moderator: Wenn man mit Hilfe eines Schmerztherapeuten ein wirksames Mittel gefunden hat, sollte man dann weiterhin zur Therapie dorthin gehen oder reicht der normale Hausarzt?
Expertin: Der normale Hausarzt ist nicht immer mit allen schmerztherapeutischen Neuigkeiten vertraut. Der Schmerztherapeut hat mehr Optionen parat.

Moderator: Werden bei der Schmerztherapie erst einmal leichte Medikamente ausprobiert, z. B. auf pflanzlicher Basis?
Expertin: So gesehen ist auch Morphin pflanzlich. Die Stärke der Schmerzmittel wird an die Stärke der Schmerzen angepasst. Das kann am besten ein Schmerztherapeut, er ist in dieser Sache routiniert.

Moderator: Wird bei einer Schmerztherapie auch das Gehirn trainiert, beispielsweise dahin, dass der Körper die Schmerzen leichter wegsteckt?
Expertin: Ansätze gibt es in diese Richtung, es ist aber keine Routine-Methode. Hypnose, Selbsthypnose, sowie Psychotherapie wären solche Methoden.

Moderator: Um dem Körper quasi den Umgang mit dem Schmerz beizubringen?
Expertin: Durch Training kann man nur einen gewissen Abstand zum Schmerz gewinnen, ihn aber nicht restlos beseitigen.

Moderator: Wird Selbsthypnose von vielen Patienten angewand?
Expertin: Noch nicht, die Technik ist nicht immer leicht zu erlernen. Es gibt auch wenige Psychotherapeuten, die das anbieten.

Moderator: Sicher haben auch viele Patienten Angst davor wenn feststeht, dass der Patient dauerhaft Mittel einnehmen muss. Ist da der Einsatz einer Schmerzpumpe ratsam?
Expertin: Die Indikation einer Pumpe ist möglich. Das was man mit der Pumpe macht, ist eigentlich eine kontinuierliche Zufuhr von Morphin (plus / minus Baclofen) in den Spinalraum.

Moderator: Geschluckte Medikamente gehen doch immer den Weg durch den Magen, wäre da der Einsatz einer solchen Pumpe für den Körper nicht schonender?
Expertin: Die Pumpe kommt zum Einsatz, wenn der Schmerz in der unteren Körperhälfte sitzt. Die Langzeitmedikamente, von denen ich sprach, werden erst im Darm freigesetzt. Opiate reizen nicht den Magen. Opiate können auch über Pflaster verabreicht werden. Morphine werden auch vom Körper selbst als Schutz gegen Schmerzen hergestellt. Durch eine Behandlung mit Morphinen gibt man dem Körper zusätzlich das, was ihm fehlt.

Moderator: Diese Pflaster geben dann sozusagen dosiert den Wirkstoff an den Körper ab?
Expertin: Aus dem Pflaster wird der Wirkstoff gleichmäßig freigesetzt. So ein Pflaster muss jeden dritten Tag erneuert werden, dann ist das Reservoir leer.

Frage: Helfen Opiate auch gegen Spastik, ohne die Lähmung zu verstärken? Ich bin Inkomplett C5/C7 und kann etwas laufen. Büße ich durch eine Baclofenpumpe meine Gehfähigkeit ein?
Expertin: Eine richtige Dosierung von Baclofen würde nur die Spastik wegnehmen und man könnte sich vorstellen, durch Training die Muskulatur in der Funktion zu verbessern. Ich glaube, dass Schmerzfreiheit Lebensqualität bedeutet.

Frage: Wo sitzt denn eine solche Pumpe?
Expertin: Die Pumpe ist praktisch eine Kammer, die Morphin oder/und Baclofen enthält und einen Mechanismus der erlaubt, aus dieser Kammer das Medikament in den Spinalkanal zu bringen.

Frage: Wirkt das dann gleichzeitig auf die Beine und den Rücken?
Expertin: Die Wirkung ist ab dem Nabel abwärts. Nebenwirkungen haben alle Medikamente, trotzdem sind Morphine die Mittel mit den wenigsten Nebenwirkungen, eben weil sie eigentlich körpereigene Schutzmittel sind.

Frage: Was ist mit der Spastik der Rückenmuskeln?
Expertin: Die Spastik der Rückemuskulatur wird wenig beeinflusst.

Moderator: Also stellt eine Morphingabe sowas wie eine Ergänzung der körpereigenen Schutzmittel dar?
Expertin: Man kann es so sagen. Denken Sie an Diabetes und Insulin!

Moderator: Stimmt, Insulin-Patienten sind ja auch nicht süchtig.
Expertin: Der Diabetiker hat kein Insulin, also wird ihm Insulin verabreicht, der Schmerzpatient hat nicht genügend Eigenmorphine, also werden ihm Morphine angeboten.

Moderator: Das sollte einigen Betroffenen die Angst nehmen, denn viele glauben bei Morphinen direkt an Sucht.
Expertin: Sucht bedeutet psychisches Verlangen. Morphine als Langzeitpräperat erzeugen keine Sucht, weil sie die Psyche nicht beeinflussen. Jemand der so Morphine einnimmt hat einen konstanten Blutspiegel an Morphin. Man steigert praktisch die Schmerzschwelle. Der Betroffene bekommt keinen Kick.

Frage: Ich weiß von mehreren Tetraplegikern, dass sie Dronabinol auf BTM-Rezept bekommen und sehr zufrieden sind. Was kann ich tun, um dieses Mittel auch zu erhalten?
Expertin: Dronabinol kann durchaus rezeptiert werden. Der behandelnde Arzt muss es aber entsprechend begründen.

Moderator: Werden auch Placebos eingesetzt, um die Reaktion des Patienten zu testen?
Expertin: Placebos werden in der Praxis aus ethischen Überlegungen nicht eingesetzt. Bei einem Querschnittgelähmten kann der Schmerz nicht eingebildet sein.

Frage: Ab wann sollte man denn überhaupt Schmerzmittel nehmen?
Expertin: Immer dann wenn Schmerzen da sind sollten sie behandelt werden, damit sie nicht chronisch werden.

Frage: Ich leide unter permanenten, extremen Schmerzen aufgrund einer spinalen Spastik.
Expertin: Für spinale Spastik kommt neben Baclofen sicherlich, wenn auch Schmerzen vorhanden sind, Morphine zum Einsatz. Ein starker Schmerz sollte auch mit einem starken Schmerzmittel behandelt werden.

Einwurf: Im Moment nehme ich Tilidin, es zeigt aber keine Wirkung mehr.
Expertin: Wenn Tilidin (Valoron Retard) versagt, heißt es, dass man eine Stufe höher gehen sollte, in Richtung Opiate.

Einwurf: Mein Neurologe ist bereit mir Dronabinol zu verschreiben, aber die Krankenkasse will die Kosten nicht tragen.
Expertin: Dronabinol ist erst im Kommen, es sind nur zwei Indikationen vorgeschrieben für die die Krankenkassen zahlen, Spastik und Querschnittlähmung gehört nicht dazu.

Frage: Was kann ich gegen die starke Spastik machen? Ich war heute im MRT, um abzuklären was in meinem Rückenmark passiert.
Expertin: Ein MRT kann wenig über die Funktion aussagen, es kann nur organische Schäden objektivieren.

Einwurf: Es geht um ein Rückenmarktumor.
Expertin: Ein RM-Tumor muss fast immer operativ entfernt werden.

Frage: Der Tumor wurde restlos entfernt, trotzdem werden die Schmerzen immer stärker. Was spielen die Syrings für eine Rolle?
Expertin: Durch eine Operation werden immer nervöse Strukturen verletzt. Was bleibt, ist ein so genannter neuropathischer Schmerz, der behandelt werden muss.

Moderator: Wie sieht es mit der Forschung in der Schmerztherapie aus?
Expertin: Sehr große Fortschritte! Millionen von Schmerzgeplagten können heute gut behandelt werden. Man hat fast alle Stationen der Schmerzleitung entschlüsselt.

Frage: Wie verhält es sich mit der Eigendynamik von spastischen Zuständen? Kann sie auch wieder runter gehen?
Expertin: Spontane Remissionen (Zurückgehen) von Spastiken sind mir nicht bekannt.

Frage: Wie kommt man in eine Schmerzklinik?
Expertin: Durch Überweisung bzw. Einweisung von einem Arzt, am besten von einem Schmerztherapeuten.

Moderator: Beim letzten Chat sagten Sie, man dürfe dem Schmerz nicht hinterher hinken, wie ist das zu verstehen?
Expertin: Den ersten Schritt in diese Richtung: Gespräch mit einem erfahrenen Schmerztherapeuten. Dem Schmerz sollte man vorbeugen und nicht erst dann behandeln, wenn er schon eingetreten ist. Ich spreche jetzt vom chronischen Schmerz.

Moderator: Gibt es ein Verzeichnis von Schmerztherapeuten im Internet?
Expertin: Wenn Sie die Internetseite des Schmerztherapeutischen Kolloquiums http://www.stk-ev.de öffnen, bekommen Sie alle Adressen. Im Schmerztherapieführer sind die Meisten aufgelistet: http://www.stk-ev.de/2003/pages/service/service_... Sie können auch nach Neurologen mit Zusatzbezeichnung Schmerztherapie suchen, dann sind Sie in besten Händen.

Moderator: Die Krankenkassen sparen ja an allen Ecken, trifft das auch die Schmerztherapie?
Expertin: Prinzipiell ja, aber bislang hat jeder Patient die notwendige Therapie bezahlt bekommen. Viele Krankenkassen nehmen an Schmerztherapievereinbarungen teil und honorieren die Schmerzbehandlung.

Frage: Gibt es Medikamente gegen die Mißempfindung bei Querschnitt?
Expertin: Mißempfindungen werden meist mit Medikamenten aus der Nervenheilkunde behandelt: Antidepressiva bzw. Mittel gegen Epilepsie.

Frage: Sind Mißempfindungen immer vorgetäuschte Schmerzen?
Expertin: Nein, Mißempfindungen sind Qualitäten eines neuropathischen Schmerzes.

Frage: Ist Neurotin ein geeignetes Mittel?
Expertin: Neurotin ist ein Antiepileptikum mit gutem Potenzial Mißempfindungen zu lindern.

Frage: Die Behandlung über Jahre mit Antidepressiva gegen die Spastik hinterlässt doch sicher auch Spuren?
Expertin: Antidepressiva haben auch Nebenwirkungen, aber das Aushalten von Schmerzen über Jahre hinterlässt noch mehr Spuren.

Moderator: Wie muss man sich den Verlauf einer Schmerztherapie vorstellen?
Expertin: Ziel wäre für mich eine ideale Kombination von Mitteln herauszubekommen, so dass der Schmerz, die Spastik und Mißempfindung reduziert werden, um Lebensqualität zu gewinnen. Eine Schmerztherapie dauert so lange, wie der Schmerz besteht. Sie kann einen Betroffenen das ganze Leben begleiten. Sie wird stets angepasst.

Frage: Schädigen starke Schmerzmittel andere Organe?
Expertin: Antientzündliche Mittel wie z. B. Diclofenac, Ibuprofen, etc. ja, Opiate, nein! Deshalb sind langfristig für eine Schmerztherapie Opiate sinnvoll.

Frage: Opiate wie Tilidin auch nicht?
Expertin: Tilidin ist nicht organschädigend. Tilidin sollte aber auch als Langzeitpräparat verabreicht werden (Valoron Retard).

Moderator: Sollte man eigentlich jedem raten einen Schmerztherapeuten aufzusuchen, anstatt mit seinem Hausarzt zu experimentieren?
Expertin: Ich glaube schon.

Frage: Beeinträchtigen die Mittel die Wahrnehmung?
Expertin: Gut eingestellt zu sein mit einem Langzeitpräparat bedeutet Verbesserung der Wahrnehmung, weil diese nicht mehr auf den Schmerz fixiert ist. Ein Tipp: Auch wenn es heutzutage wirksame Mittel gegen Schmerzen gibt, kann nicht jede Schmerzform auf Null reduziert werden, aber man kann jeden Schmerz lindern!!!

Frage: Kann seelische Anspannung den Schmerz und die Spastik verschlimmern?
Expertin: Ja

Frage: Und dann mehr einwerfen?
Expertin: Mehr einwerfen nicht. Hier kommen Entspannungstechniken zum Einsatz von denen wir am Anfang sprachen.

Frage: Wo kann man diese Techniken lernen?
Expertin: Der Schmerztherapeut arbeitet immer mit einem Psychotherapeuten zusammen, wo man diese Fertigkeiten auch erlernen kann.

Moderator: Zählt dazu auch Autogenes Training?
Expertin: Autogenes Training gehört auch dazu.

Frage: Wie anerkannt ist Droabinol kontra Opiate in der Schmerztherapie?
Expertin: Dronabinol wird erst richtig in Studien erforscht. Eins steht jedoch fest, es ist eine sinnvolle Ergänzung. Opiate können mit Dronabinol kombiniert werden.

Frage: Warum ist THC so abartig teuer?
Expertin: THC wird sehr aufwändig hergestellt. Es ist eine Trennung von anderen, über 60 Komponenten aus Cannabis. Noch ist die Herstellung in sehr kleinen Mengen.

Frage: Berauschen die Opiate?
Expertin: Opiate in Retardform berauschen nicht! Opiumpflaster berauschen auch nicht. Es ist ein Schmerzmittel in Langzeitform.

Frage: Warum ist in Deutschland immer noch kein Cannabis gegen Schmerzen erlaubt?
Expertin: So stimmt es nicht. Es ist zugelassen für Krebsschmerzen und Kachexie (extremes Magersein) und bei AIDS.

Moderator: Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass Frau Tarau auch unter den Experten von STARTRAMPE.NET zu finden ist. Dort könnt Ihr auch Fragen an Sie richten. Einfach auf den Button "Experten" klicken, da sind alle für STARTRAMPE.NET tätigen Experten aufgelistet. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei unserer Expertin bedanken.
Expertin: Ich danke Euch für die Fragen. Hoffentlich konnte ich einige Unklarheiten aufheben. Es hat Spaß gemacht, bis zum nächsten Mal!

 

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