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Zivildienst

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CHAT DOKU | 26.03.2003

Zivildienst II

 

Experte Martin Strobelt

Moderator: Hallo und Willkommen zum Expertenchat "Zivildienst" mit unserem Experten Martin Strobelt. Heute dreht sich alles um das Thema Zivildienst.
Martin ist in der Diakonie- und Sozialstation St. Pauli in Hamburg Ansprechpartner zu allen Bereichen betreffend des Zivildienst.
Martin, bitte stelle Dich kurz unseren Usern vor.
Experte: Also, ich heiße Martin Strobelt, arbeite in der Diakonie St. Pauli sei ca. 15 Jahren mit Zivis zusammen und habe dadurch vielfältige Erfahrungen gesammelt.

Frage: Was machst Du in Deiner Freizeit?
Experte: Ich betreue die Fußballmanschaft meines Sohnes (15 Jahre alt), gehe gerne zum FC St. Pauli (noch zweite Liga) und fahre gern Fahrrad in der Natur.

Frage: Wieviele Leute melden sich bei Euch jährlich, um ihren Zivildienst abzuleisten?
Experte: Bestimmt um die 100.

Frage: Zivis sind für die größere Pflegen ziemlich uninteressant geworden!?
Experte: Was verstehst Du unter "grössere Pflegen"?
Einwurf: Zehn Stunden aufwärts meinetwegen, die Fluktuation bei den Zivis ist viel zu hoch.
Experte: Zehn Stunden pro Tag oder pro Woche?
Einwurf: Ich habe 21 Stunden täglich. Wie lange ist nun die Dienstpflicht für Zivildienstleistende?
Einwurf: Zehn Monate, davon gut ein Monat Lehrgang, ein Monat Urlaub, ein Monat anlernen und je nach Einstellung ein bis zwei Monate krank. Da bleibt nicht viel über, man hat ständig neue Leute.
Experte: Unsere Zivis pflegen auch rund um die Uhr. Das ist leider das Problem, auch für die Organisatoren, sieben bis acht Monate realistisch.

Frage: Deine Zivis sind oft krank?
Einwurf: Das waren sie, ich habe nun keine mehr.
Einwurf: Wenn man sie gut behandelt werden sie selten krank;-)

Frage: Das Klientel, auch in St. Pauli, ist doch mehr von alten Menschen bestimmt, oder?
Experte: Es werden mehr ältere Menschen ambulant betreut.

Frage: Muss die Diakonie an den Staat Geld überweisen, für die Zivildiensleistenden?
Experte: Umgekehrt, wir kriegen Geld.
Einwurf: In Österreich ist das genau umgekehrt. Die Caritativen Organisationen zahlen ca. 500 € im Monat, an den Staat. Die Zivis arbeiten bei der Rettung im Altersheim oder im Krankenhaus, private Pflege gibt es nicht.
Experte: Undenkbar, die Wohlfahrtsverbände in Deutschland sind relativ arm geworden.
Einwurf:
Experte: An Zivildienstleistenden wird viel Geld verdient. Es ist in den letzten Jahren nur immer teurer geworden.
Einwurf:
Experte: Alle Dienststellen bekommen für jeden Zdl ca. 5,50 € pro Tag. Einige Träger stellen keine Zivis mehr ein, es lohnt sich nicht mehr. Der Bund kürzt ständig die Mittel. Durch die Zeitverkürzung und notwendige Überlappung wurde der Zivildienst teuer.
Einwurf: Zuviel meiner Meinung nach, was man jetzt für einen Zivi zahlt.
Experte: In Hamburg kostet die Zivistunde 8,23 € und bei Euch?
Einwurf: In Köln 11,25 € .
Einwurf: In Wien bis zu 25 €, abhängig von der Höhe des Pflegegeldes.
Experte: Bei den Sätzen in Österreich kann man tatsächlich Geld an den Staat überweisen.
Einwurf: Für das Geld kommen aber keine Zivi, sondern ausgebildetes Personal!
Experte: In Hamburg kann man dafür eine qualifizierte Kraft einkaufen.
Einwurf: Vor der Pflegeversicherung habe ich 900 DM im Monat gezahlt, nun 2000 €.
Experte: Wie kommt das?
Einwurf: Es ist so, die Pflegevereine dürfen nicht selbst Zivis werben. Als Privatmann kannst Du das. Wenn Du jemand gefunden hast wendest Du Dich an den Pflegeverein, die regeln das dann. Verlange aber Exklusivität, dass er nur bei Dir eingesetzt wird! Der Verein macht genug Reibach.

Frage: Wenn man in keiner Pflegestufe ist, aber dennoch regelmäßig beispielsweise eine Haushaltshilfe benötigt, kann man da die Assistenz bekommen? Übernimmt da jemand ganz oder teilweise die Kosten?
Experte: Die Kosten können vom Sozialamt übernommen werden. Es ist auch möglich private Vereinbarungen mit dem Träger zu schließen.

Frage: Was ist für mich günstiger, wenn ich einen Zivi selber suche, oder mir über eine karitative Einrichtung vermitteln lasse?
Experte: Wenn Du Dir einen suchen kannst, über Kontakte, super. Bei Behindertenbetreuung (ISB) stellen wir immer jeden Zdl erst vor.

Frage: Was heißt ISB?
Experte: Individuelle Schwerbehinderten-Betreuung.

Frage: Kann ich z.B. über eine Anzeige einen Zdl finden oder ist das unrealistisch?
Experte: Es macht Sinn an den Schulen Aushänge zu machen.
Frage: Du meinst jetzt wahrscheinlich Unis und so?
Experte: Nein, Studenten sind für den Zivildienst zu alt, ich meine Schulabgänger im Alter von 19 bis 21 Jahre.

Frage: Kann man Zdls und FSJlerInnen stundenweise abrufen und wer trägt die Kosten?
Experte: Das geht im Rahmen vom MSHD, d.h. stundenweise Betreuung.

Frage: MSHD?
Experte: Mobiler Sozialer Hilfsdienst.
Wenn Du keine Einkünfte hast, evtl. über das Sozialamt, bzw. die Pflegeversicherung.

Frage: Wo finde ich in meiner Stadt den MSHD? Pflegevereine gibt's hier auch nicht, wo ist das angegliedert?
Experte: MSHD hat bei uns jeder Pflegedienst, der einem Wohlfahrtsverband angeschlossen ist (Caritas, Diakonie, ASB, Johanniter etc.). Wenn man keine Kontakte zu Trägern hat, sollte man sich an das örtliche Gesundheitsamt wenden, Abt. Körperbehinderte.

Einwurf: Informationen gibt es auch beim Familienministerium unter Externer Linkhttp://www.zivildienst.de/.

Frage: Melden sich auch Leute die ein FSJ machen wollen?
Experte: Ganz selten, bei der gesamten Diakonie Hamburg haben sich für August bisher 100 gemeldet.

Frage: Wieviel Zivis setzt ihr jährlich ein?
Experte: Insgesamt ca. 50 bis 60 Zdls, die meisten in der ISB.

Frage: Ist der Bedarf gedeckt oder könnten es mehr sein?
Experte: Schwierig ist es immer von März bis Juli.

Frage: Gibt es auch weibliche Zdls?
Experte: Das wären dann eine FSJlerin, wie gesagt, nicht einfach zu bekommen.

Frage: An wenn muss man sich da wenden?
Experte: Nach FSJlerInnen kann man bei jedem Verband (ASB, Malteser etc.) fragen. Auch Bedingungen stellen, dass sie nur bei Dir eingesetzt werden soll.

Frage: Gibt es eine Statistik welcher Verband verstärkt FSJlerInnen einsetzt?
Experte: Statistiken habe ich nicht. Bei allen Fragen, bis man fündig wird. Bei Erfolg dann weitere Jahre zusammenarbeiten.

Frage: Privat, ohne Verband kann ich keine FSJlerin bekommen?
Experte: Nein, das geht nicht. Die sind meist noch recht jung (17 - 21 Jahre) und werden vom Verband anhand von Seminaren begleitet.

Frage: Welche Arbeiten dürfen FSJlerInnen machen, welche nicht?
Experte: Grundpflege, z.B. Hilfe beim Aufstehen, Duschen, Abführen, Ernährung, Mobilität.

Frage: Was ist eigentlich der Leistungsumfang, der durch Zivis abgedeckt werden kann? Wann muss Fachpersonal eingesetzt werden?
Experte: Leistungsumfang bis rund-um-die-Uhr. Fachpersonal setzen wir zusätzlich ein, soweit pflegerisch erforderlich. Wir betreuen auch Tetraplegiker, die kein Fachpersonal wollen. Ich halte das für vertretbar.

Frage: Stehen fachlich geschulte Pflegedienstleistende und Zivildienstleistende in Konkurrenz? In Bereichen, wo es darum geht zu spritzen (Insulin) oder Tabletten direkt zu verabreichen, dürfen das Zivis?
Experte: Nein, Fachkräfte sind teuer und nur für das fachliche z.B. komplizierte Grundpflege, bei Katheterisierung, Dekubitus zuständig. Hauswirtschaft und allgemeine Assistenz. Spritzen geben nicht eigenständig, d, h. er darf beispielsweise diese dem Betreuten zureichen, der dann selbst spritzt. Ähnlich bei Medikamenten.

Frage: Darf ein Zivi auf ausdrücklichen Wunsch des Pflegebedürftigen trotzdem Spritzen setzen?
Experte: Das ist rechtlich problematisch. Falls der Träger sich darauf einlässt, kann man dies schriftlich erklären.

Frage: Welche pflegerischen Tätigkeiten dürfen Zivis machen?
Experte: Keine Behandlungspflege. Das darf nur examiniertes Personal. Das gleiche wie bei FSJleinnen.

Frage: Bekommen die Jungs eine spezielle Ausbildung?
Experte: Jein, der 3-wöchige Lehrgang bezieht sich nicht auf die praktische Erprobung fachlicher Dinge. Zivis müssen vor Ort und am besten von qualifizierten Kräften eingewiesen werden.

Frage: Werden die Zivildienstleistenden auch auf Notfallsituationen vorbereitet, wenn beispielsweise der zu Betreuende einen Kreislaufzusammenbruch bekommt?
Experte: Das schon, im akuten Notfall soll ein Krankenwagen gerufen werden. Der Zdl sollte auch Informationen bekommen, bei welchem Hausarzt der Betreute ist (siehe Doku-Mappe).

Einwurf: Er darf trotzdem, meines Wissens nach, keine Medikamente direkt verabreichen, z.B. Herztabletten.
Experte: Nein, so nicht! Wenn Du mit dem PC umgehen kannst, dann darfst Du dem Zivi die Order geben, Dir dieses oder jenes Medikament zu reichen. Deine Version gilt für die, die eine eingeschränkte Wahrnehmung haben, z.B. Demenz.
Einwurf: Da besteht aber die Gefahr der Verwechslung. Der Betroffene sagt ich habe Herzschmerzen bring mir zwei Tabletten von der Flasche nebenan in der Küche. Dort steht aber die falsche Flasche.
Experte: Du musst es als Betroffener selbst kontrollieren. Wer als Zivi unkonzentriert ist, sollte kein ISB machen.

Frage: Wie sieht der Versicherungsschutz der von Zdls betreuten Personen aus, wer haftet für Schäden durch Zividienstleistende?
Experte: Die Zivis sind wie alle anderen MitarbeiterInnen über die Dienststelle versichert. Wir erwarten, dass Bagatellschäden beim Abwasch etc. von dem Kunden selbst getragen werden.

Frage: Wird Wert darauf gelegt, dass Zivis immer in einem festen Pflegekreis zu tun haben und nicht ein ständiger Wechsel stattfindet, der es nicht ermöglicht Vertrauen zu schaffen?
Experte: Da legen wir sehr großen Wert darauf. Dazu gehört eine gewisse Professionalität der Leitung. Als ISB-Kunde hast Du einen exklusiven Zivi-Stamm.

Frage: Was denkst Du, wie lange es noch Zivildienst geben wird?
Einwurf: Solange keine Berufsarmee eingeführt wird.
Experte: Das sehe ich auch so. Ein Hindernis für die Politik, die Wehrpflicht abzuschaffen, ist eben der Zivildienst.

Frage: Wie ist die Handhabung dahingehend, dass die Interesse der Pflegeperson und des Zivis ins Private übergehen? Ich Frage weil sie im Abhängigkeitsverhältnis stehen.
Experte: Das muss jeder selbst ausloten. Manchmal enstehen sogar Freundschaften. Als Behinderter sollte man allerdings "eigene" Freunde haben und sich nicht von Helfern abhängig machen.

Frage: Was tun, wenn sich Zivildienstleistender und AssistenznehmerIn nicht Verstehen? Wird auf Beschwerden des zu Pflegenden eingegangen, oder glaubt man in jedem Fall dem Zivi?
Experte: Auf keinen Fall. Der Zivi geht, der Kunde bleibt. Wir versuchen immer eine Lösung zu finden, müssen unsere Mitarbeiter jedoch vor Anschuldigungen schützen.
Einwurf: Bei mir war das leider nicht so!
Experte: Wenn ich als Kunde nicht ernst genommen werde, würde ich versuchen den Pflegedienst zu wechseln.
Einwurf:: Seitdem nehme ich überhaupt keinen Pflegedienst mehr.
Experte: Hast Du Dir selbst Leute eingestellt.
Einwurf: Ja.
Experte: Das klappt gut?
Einwurf: Ja, sehr gut, aber nur, weil der Hilfsbedarf noch nicht so hoch ist, sonst unbezahlbar.
Experte: Du bezahlst sie selbst oder gibt's Geld vom Sozialamt?
Einwurf: Ich bezahle selbst vom Pflegegeld.
Experte: Wenn der Bedarf größer wird, solltest Du nach einem Pflegedienst suchen, der Dir auch andere MitarbeiterInnen (Nicht-Zivis) als ISB-Team zur Verfügung stellt.

Frage: Eine sensible Frage: Wie wird mit sexueller Ausnutzung des Abhängigkeitsverhältnisses zu Pflegebedürftigten umgegangen?
Experte: Sexualität sollte nach Möglichkeit immer aus dem Spiel bleiben. So ein junger Zivi weiß sich in der Regel dazu nicht sicher zu verhalten.

Frage: Was passiert wenn eine Pflegebedürftige gegenüber dem ISB angibt sich sexuell vom Zivildienstleistenden belästigt zu fühlen?
Experte: Konflikte sollten mit Moderation (z.B. Einsatzleitung) unter sechs Augen besprochen werden. Wenn der Verdacht nicht ausgeräumt wird, Zivi austauschen.

Frage: Wie wird ausgeschlossen das Amelos im Kreis der Pflegepersonen der weiblichen Pflegebedürftigen aufgenommen werden? Wird Wert auf ein polizeiliches Führungszeugnis gelegt?
Experte: Amelos werden sich nicht bei der Einstellung outen. Manchmal lehne ich Bewerber ab, wenn sie mir schräg drauf erscheinen. Es gehört halt Menschenkenntnis dazu. Alle Zivis haben ein Führungszeugnis. Alle anderen Bewerber müssen bei der Einstellung eins vorlegen bzw. nachreichen.

Frage: Ist der Ausgleich der Kosten für Pflege auf Pflegegeld mit der Inflationsrate gedeckt oder wird es für die Verbände immer schwieriger? Wie ist die Quote, dass Pflegebeantragte alle Kosten über's Pflegegeld gedeckt bekommt, oder wie gross ist der Eigenanteil in Prozent?
Experte: Schwer hat es der Privatzahler, wenn die Restkosten über dem gleichbleibendem Grenzbetrag steigen. Der Betrag der Pflegestufe reicht meistens nicht aus. Der zu Pflegende zahlt meist dazu bzw. das Sozialamt.

Moderator: Unsere Zeit ist leider vorüber, bei weiteren Fragen könnt Ihr das Expertenfomular nutzen. Dankeschön Martin, dass Du so geduldig mit uns warst, Dank auch den Usern für's mitmachen. Einen schönen Abend Euch allen bis zum nächsten mal.
Experte: Tschüss allerseits, war mein erster Chat und hat Spaß gemacht!

 

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